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Börsenpsychologie

Achtung, Ansteckung! Warum Börsianer zu leicht mit dem Strom schwimmen

Von Birte Rothkopf

Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat einmal Veteranen der Wall Street um den besten Ratschlag gebeten, der ihn je erteilt wurde. Folgender Tipp hatte David Rosenberg, Chefökonom beim Vermögensverwalter Gluskin Sheff and Associates, in seinem Leben am meisten geholfen: „Wenn alle Experten und Prognosen übereinstimmen, kommt es ganz anders“. Er habe daraus die Lehre gezogen, dass man sich immer wieder disziplinieren und gegen das Herdenverhalten stemmen müsse.

Der Topökonom, in Analystenrankings häufig vorne zu finden, beschreibt damit eine der großen Gefahren bei der Geldanlage. Wenn Wirtschaftswissenschaftler vom herding sprechen, meinen sie den Reflex, Aktien oder Anleihen zu kaufen oder abzustoßen, nur weil andere es tun. Galoppiert die Herde in eine Richtung, fällt es Menschen extrem schwer, sich dagegen zu stellen. Die Ansteckungsgefahr nach oben und unten ist da. Das Phänomen kostet Anleger viel Geld.

Denn oft gibt es keinen fundamentalen Grund für die Marktbewegung. Rational wäre es, eine Kauf- oder Verkaufsentscheidung ausschließlich darauf zu basieren, ob der faire Wert der betreffenden Anlage im Vergleich zum Kurs attraktiv oder unattraktiv ist. Beim Herdenverhalten spielt die rationale Bewertung (in den meisten Fällen) dagegen keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Menschen lassen sich vom Verhalten anderer anstecken. Das Phänomen ist als „Gefühlsansteckung“ schon lange bekannt, bereits 1923 hat der deutsche Philosoph und Soziologe Max Scheler den Begriff geprägt. Und obwohl es solche Momente, in denen ein einzelner Händler im direkten Kontakt mit anderen Kollegen steht, im Zeitalter ohne reales Börsenparkett kaum noch gibt: Das Phänomen der Gefühlsansteckung wird über Umwege wie Medienschlagzeilen oder das Gespräch mit Bekannten dennoch wirksam – egal ob Euphorie oder Panik.

Das Herdenverhalten ist umso gefährlicher, wenn man sich ansieht, wie wir Informationen verarbeiten. Hier klafft eine gewaltige Lücke zwischen der Erkenntnis vieler Marktteilnehmer und ihrem Handeln. Denn den meisten Menschen ist bewusst, dass es absolut rational ist, vor einer Anlageentscheidung aufmerksam und offen nach Informationen zu suchen – egal, ob diese positiv oder negativ sind, ins Bild passen oder nicht. Wie sehr Anleger die Relevanz von guten Informationen eigentlich bewusst ist, zeigt zum Beispiel eine Untersuchung der RWTH Aachen unter rund 16.000 Börsenanleger. Die Studie ist schon etwas länger her, die Erkenntnisse sind aber immer noch aktuell. Drei Viertel der Befragten räumten ein, dass der Anlageerfolg auf einem hohen Informationsgrad basiert. Soweit die Erkenntnis.

Allerdings: In der Praxis scheint das nicht mehr zu gelten – Erkenntnis hin oder her. Die meisten Menschen filtern Nachrichten (bewusst oder unbewusst), informieren sich zu wenig, und nehmen besonders gerne Information zur Kenntnis, die zu ihrer Anlageentscheidung passen. Was unsere Investments infrage stellt, blenden wir tendenziell eher aus.

Was wir daraus lernen:

Wenn zu viele Börsianer in eine Richtung marschieren, ist Gefahr in Verzug. Anleger sollten umso ruhiger und rationaler prüfen, ob es gute Gründe für die Marktbewegung gibt – wie zum Beispiel einen plötzlichen Umsatzeinbruch bei einem Unternehmen oder veränderte politische Rahmenbedingungen. Ansonsten gilt: Fundamentaldaten schlagen Stimmungen!

Zur Person:

Dr. Birte Rothkopf hat in der Fachdisziplin „Behavioral Finance“ promoviert, die sich mit der Psyche des Menschen in Finanzfragen befasst. Sie ist Gründerin des digitalen Vermögensverwalters Whitebox. Zuvor arbeitete Rothkopf als Beraterin für internationale Banken und Finanzdienstleister sowie als Geschäftsführerin einer Schweizer Unternehmensberatung für Groß- und Privatbanken.

 

© WHITEBOX, 09.03.2017

Foto: Christopher Burns / Unsplash