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Aktienrückkäufe: Was Sie als Anleger bedenken sollten

Aktienrückkäufe: Was Sie als Anleger bedenken sollten

Salome Preiswerk
24. Oktober 2019

Aktienrückkäufe sind für Investoren oft ein schlechtes Geschäft

Aktienrückkäufe werden häufig als ein Mittel dargestellt, mit dem Aktiengesellschaften indirekt Teile ihrer Gewinne an ihre Aktionäre ausschütten – quasi als Alternative zu Dividenden. Doch politische Diskussionen in den USA und ein Blick in die Wirtschafts- und Börsengeschichte zeigen, dass sie weit mehr sind: ein komplexes Instrument mit vielfältigen unternehmenspolitischen Wirkungen. Falsch eingesetzt, können sie erheblichen Schaden anrichten.

Stellen Sie sich einmal vor, der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert würde im Kampf um seine Kanzlerkandidatur für die SPD fordern, Aktienrückkäufe zu verbieten. Derweil würde Friedrich Merz, einer seiner Widersacher in der CDU, einen Gesetzesentwurf ankündigen, der diese Praxis deutlich einschränken soll. In Deutschland würden die meisten Menschen wahrscheinlich mit Schulterzucken oder Kopfschütteln reagieren: Aktienrückkäufe? Was soll denn das sein? Und wer weiß, worum es sich handelt, würde sich vielleicht fragen: Was soll denn schlimm daran sein, wenn Aktiengesellschaften eigene Aktien zurückkaufen?

US-Senatoren kritisieren Aktienrückkäufe

In den USA stehen Aktienrückkäufe, denglisch auch als „Buybacks“ bezeichnet, seit einiger Zeit im Zentrum einer öffentlich ausgetragenen politischen Debatte. Anfang Februar 2019 haben die Senatoren Bernard „Bernie“ Sanders und Charles „Chuck“ Schumer in einem Gastbeitrag in der New York Times eine Begrenzung von Aktienrückkaufprogrammen gefordert. Beide sind politische Schwergewichte: Sanders macht sich Hoffnungen, 2020 als demokratischer Präsidentschaftskandidat gegen Donald Trump antreten zu dürfen; Schumer ist Fraktionsführer der Demokraten im US-Senat. Sie werfen US-Managern Selbstgefälligkeit und eine Fokussierung auf die kurzfristige Steigerung der Börsenwerte ihrer Unternehmen vor, welche die Stellung der Arbeiter und die langfristige Wirtschaftskraft der USA gefährde.

„Wenn ein Unternehmen eigene Aktien zurückkauft, reduziert es die Anzahl der an der Börse gehandelten Anteile und steigert so deren Wert zum Nutzen der Aktionäre und der Unternehmensführung“, erläutern Sanders und Schumer in ihrem Gastbeitrag. Zwischen 2008 und 2017 hätten 466 der größten US-Aktiengesellschaften insgesamt rund vier Billionen US-Dollar für Aktienrückkäufe ausgegeben. Das entspreche etwa 53 Prozent ihrer in diesem Zeitraum erzielten Gewinne und sei auch deshalb ein Grund zur Sorge, weil weitere 40 Prozent der Gewinne als Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet worden seien. Rein rechnerisch seien damit mehr als 90 Prozent der in diesem Zeitraum erwirtschafteten Gewinne in Aktienrückkäufe und Dividenden geflossen. Die Forderung der Senatoren: Statt Milliarden für den Kauf eigener Aktien aufzuwenden, sollten Unternehmen lieber in den Ausbau ihrer Geschäftstätigkeit, in Forschung und Entwicklung sowie in die eigenen Mitarbeiter investieren, indem sie ihnen höhere Löhne, bessere Sozialleistungen und sinnvolle Fortbildungsprogramme zahlen.

Buybacks auf Pump erhöhen systemische Risiken

Sanders und Schumer stehen mit solchen Forderungen nicht alleine. Bereits im März 2018 hat die demokratische Senatorin Tammy Baldwin im US-Senat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Rechte der Arbeiter in Aktiengesellschaften stärken soll. Anfang 2019 hat sie unter dem Titel „Reward Work Not Wealth“ einen Forschungsbericht vorgelegt, der diesen Gesetzentwurf unterstützen soll. Sie fordert unter anderem ein Verbot von Aktienrückkäufen an Börsen sowie ein Ende der „Plünderung von Aktiengesellschaften“. Laut dem Bericht haben Aktienrückkäufe folgende Konsequenzen: Sie schmälern die Löhne der Arbeiter, erhöhen die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, verringern Investitionen der Unternehmen, schädigen Vorsorgesparer und gefährden die Vermögensbildung, indem sie es Spekulanten ermöglichen, Werte aus Aktiengesellschaften herauszuziehen. Da Aktienrückkäufe häufig über Kredite finanziert würden, führten sie zu einer höheren Verschuldung der Unternehmen und daraus resultierenden systemischen Risiken.

Die zunehmende Skepsis gegenüber Aktienrückkäufen zeigt mittlerweile auch im Lager der Republikaner Wirkungen. Im Februar 2019 reagierte Marco Rubio, der republikanische Senator des US-Bundesstaates Florida, auf die Kritik der Demokraten: Er schlug vor, das Ausmaß der Aktienrückkäufe dadurch einzuschränken, dass man sie wie Dividenden besteuert.

„Ungesunde Obsession der Unternehmen“

Auch Forscher und Wissenschaftler beschäftigen sich in den USA seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema. Der Ökonom William Lazonick hat erhebliches Aufsehen erregt, als er im Herbst 2014 im Harvard Business Review einen kritischen Artikel mit dem Titel „Profits Without Prosperity“ veröffentlichte, in dem er die wichtigsten Rechtfertigungen für Aktienrückkäufe zu widerlegen versuchte. Viele der über die Börsen abgewickelten Rückkaufprogramme gingen zu Lasten der Investitionstätigkeit und der Produktivkraft der Unternehmen und seien daher nicht im Sinne langfristiger Anteilsinhaber. Sie nutzten in erster Linie den Top-Managern, deren Gehälter meist an kurzfristige Entwicklungen der Aktienkurse gekoppelt sind, und Spekulanten, die entsprechenden Druck auf die Unternehmensführungen ausüben. „Rückkäufe sind zu einer ungesunden Obsession der Unternehmen geworden“, kritisierte Lazonick. Die Rückkehr zu einem System, das über Reinvestitionen einbehaltener Gewinne ein stabiles und ausgewogenes Wachstum fördere, erfordert seiner Meinung nach entschlossene politische Schritte.

Um diese Aufregung nachvollziehen zu können, hilft ein kurzer Blick auf die Entwicklungen von Aktienrückkäufen. Diese waren in den USA lange Zeit verboten, weil sie in den „Goldenen Zwanziger Jahren“ des vergangenen Jahrhunderts ausgiebig zur Manipulation von Aktienkursen genutzt worden waren und damit maßgeblich zur darauf folgenden Weltwirtschaftskrise beigetragen hatten. 1982 hob die US-Börsenaufsicht SEC dieses Verbot im Zuge der vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan vorangetriebenen Deregulierungen weitgehend auf. Seitdem wurden Aktienrückkaufprogramme in den USA immer beliebter. Einen zusätzlichen Schub erhielten sie zuletzt durch die Anfang 2018 in Kraft getretene Senkung der Unternehmenssteuersätze durch die Trump-Administration.

Aktienrückkäufe haben 2018 in den USA ein Rekordniveau erreicht

Warum einige Marktbeobachter mittlerweile von einer Epidemie oder einem „Rückkaufswahn“ sprechen, verdeutlicht ein Blick auf aktuelle Zahlen: Nach Angaben des Indexanbieters S&P Dow Jones Indices haben die im S&P 500 Index enthaltenen Unternehmen 2018 eigene Aktien im Wert von rund 800 Milliarden US-Dollar zurückgekauft – ein neuer Rekordwert nach rund 519 Milliarden US-Dollar im Jahr zuvor. Doch diese Euphorie hat nicht alle Branchen in gleichem Maße erfasst: Besonders beliebt waren Rückkäufe bei Unternehmen aus dem IT-Sektor, die 2018 fast 280 Milliarden US-Dollar für eigene Aktien ausgaben. Auch Unternehmen aus der Finanzbranche (etwa 150 Milliarden US-Dollar) und dem Gesundheitswesen (109 Milliarden US-Dollar) traten als rege Käufer eigener Anteilsscheine hervor. Ein baldiges Ende dieses Trends erwarten die S&P-Analysten nicht, da die US-Aktiengesellschaften selbst im Falle eines geringeren Gewinnwachstums noch über sehr hohe Barvermögen verfügen.

Der mit Abstand aktivste Rückkäufer unter den US-Unternehmen war 2018 einmal mehr Apple: Das IT-Unternehmen gab mehr als 74 Milliarden US-Dollar für eigene Aktien aus. Um einen besseren Eindruck vom Ausmaß dieser Käufe zu bekommen: Anfang September 2019 entsprachen 74 Milliarden US-Dollar gut 67 Milliarden Euro, womit Apple theoretisch ganze Dax-Unternehmen hätte aufkaufen können. Adidas wurde im Spätsommer 2019 am Aktienmarkt mit etwa 54 Milliarden Euro bewertet, BASF kam auf eine Marktkapitalisierung von rund 55 Milliarden Euro, der Marktwert von Daimler lag bei 45 Milliarden Euro.

In den vergangenen fünf Jahren hat allein Apple fast 229 Milliarden US-Dollar für Rückkäufe eigener Aktien ausgegeben. Die im S&P 500 enthaltenen Unternehmen haben in diesem Zeitraum insgesamt für fast 3 Billionen US-Dollar eigene Aktien zurückgekauft. Zum Vergleich: Der Marktwert aller 30 Dax-Werte betrug Anfang September 2019 etwas mehr als 1,2 Billionen US-Dollar.

Rückkäufe sind „wichtigste Quelle der Aktiennachfrage in den USA“

Diese Entwicklungen haben erhebliche Auswirkungen auf die Aktienmärkte: In den USA sind die börsennotierten Aktiengesellschaften mittlerweile die mit Abstand wichtigste langfristig orientierte Käufergruppe heimischer Aktien. Laut einer im Frühjahr 2019 veröffentlichten Analyse der Investmentbank Goldman Sachs haben in den vergangenen fünf Jahren drei wichtige Investorenruppen ihre Bestände an US-Aktien reduziert, und zwar Pensionsfonds um rund 901 Milliarden US-Dollar, ausländische Investoren um 234 Milliarden US-Dollar und Fondsgesellschaften um 217 Milliarden US-Dollar. Als Nettokäufer traten US-Privatanleger mit 223 Milliarden US-Dollar und Lebensversicherungen mit 61 Milliarden US-Dollar auf. Ohne die knapp drei Billionen US-Dollar, für die US-Unternehmen eigene Aktien erworben haben, wären in diesen fünf Jahren fast 1,1 Billionen US-Dollar aus den dortigen Aktienmärkten abgezogen worden. Die Hausse wäre wahrscheinlich zu Ende gewesen.

„Rückkäufe waren durchweg die wichtigste Quelle der Aktiennachfrage in den USA“, stellten die Goldman-Analysten fest. „Ohne die Rückkäufe von Unternehmen würde die Nachfrage nach Aktien dramatisch sinken.“ Auch viel beachtete Unternehmenskennzahlen wie der Gewinn je Aktie (englisch „earnings per share“, kurz EPS) werden durch die geringere Zahl verfügbarer Unternehmensanteile in die Höhe getrieben: Im Durchschnitt der S&P-500-Unternehmen ist diese Kennzahl laut Goldman Sachs während der vergangenen 15 Jahre um 2,6 Prozentpunkte stärker gestiegen als der tatsächlich ausgewiesene Unternehmensgewinn. Davon profitieren vor allem Manager, deren Bonuszahlungen von Kennzahlen wie EPS abhängen. Kein Wunder, dass manch kritische Beobachter bereits von manipulierten Aktienmärkten sprechen.

Warren Buffett plädiert für „preissensible“ Rückkäufe

Ob und inwieweit auch langfristig orientierte Aktionäre von Buybacks profitieren, ist eine andere Frage. Der Multimilliardär und Starinvestor Warren Buffett hat sich im Frühjahr 2019 in seinem Brief an die Aktionäre der Investmentholding Berkshire Hathaway ausführlich zu diesem Thema geäußert. Damit Buffett Gefallen an Aktienrückkäufen findet, müssen einige Bedingungen erfüllt sein: Zum einen sollten die Unternehmen wirtschaftlich prosperieren und die Rückkäufe aus einem Teil ihrer Gewinnrücklagen bestreiten. Außerdem sollte der Preis stimmen: „Wenn Charlie [Munger, der Vice Chairman von Berkshire Hathaway] und ich der Meinung sind, dass die Aktien eines Beteiligungsunternehmens unterbewertet sind, freuen wir uns, wenn das Management einen Teil seiner Gewinne einsetzt, um den Anteil von Berkshire zu erhöhen“, schreibt Buffett. Als Beispiel führt er American Express an: Obwohl Berkshire in den vergangenen acht Jahren keine Aktien des Unternehmens ge- oder verkauft habe, sei der Anteil, den die Holding an diesem Finanzdienstleister halte, infolge von Aktienrückkäufen des Unternehmens von 12,6 Prozent auf 17,9 Prozent gestiegen.

Für die verbleibenden Aktionäre lohnen sich Aktienrückkäufe laut Buffett jedoch nur, wenn sie zu Preisen erfolgen, die unter dem inneren oder fairen Wert der Aktien liegen. „Selbstverständlich sollten Rückkäufe preissensibel erfolgen: Der blinde Kauf einer überteuerten Aktie vernichtet Werte, eine Tatsache, die bei vielen werbetreibenden oder stets optimistischen CEOs auf der Strecke bleibt“, mahnt er.

Aktienrückkäufe erfolgen oft mit schlechtem Timing

Der derzeitige Boom der Rückkaufprogramme in den USA deutet darauf hin, dass ein großer Teil der Buybacks tatsächlich genau dann erfolgt, wenn die Märkte sich in einer Hochphase befinden und viele Aktien entsprechend teuer sind. Dieses Muster hat sich bereits in früheren Börsenzyklen gezeigt: Nach Angaben von S&P Dow Jones Indices haben US-Aktiengesellschaften beispielsweise 2007, im Jahr vor dem Ausbruch der bisher letzten großen Baisse, eigene Aktien im Wert von gut 589 Milliarden US-Dollar gekauft, was damals einen neuen Rekordwert darstellte. Als die Börsenkurse 2009 infolge der Krise soweit gefallen waren, dass die Aktien vieler solider Unternehmen unterbewertet waren und sich ein Einstieg für Investoren gelohnt hätte, haben die Aktienrückkäufe jedoch lediglich ein Niveau von knapp 138 Milliarden US-Dollar erreicht.

Das New Yorker Research-Unternehmen Fortuna Advisors hat in seiner jüngsten Analyse über Aktienrückkäufe vor allem zwei Probleme identifiziert: Erstens kaufen einige Unternehmen zu viele eigene Aktien zurück; ihre Aktionäre hätten mehr davon, wenn sie stattdessen mehr Geld in ihre Geschäftstätigkeiten investieren würden. Zweitens sei das Timing oft schlecht, denn „die meisten Unternehmen kaufen zu viele Aktien zurück, wenn der Aktienkurs relativ hoch ist, und nicht genug, wenn er niedrig ist“. In vielen Fällen sei es das Timing, das wertsteigernde Rückkaufprogramme von solchen unterscheidet, die den Unternehmenswert beeinträchtigen. Werden Aktien zu hohen Börsenkursen zurückgekauft, profitierten die Verkäufer auf Kosten der Aktionäre, die ihre Anteile an den betreffenden Unternehmen weiterhin halten.

Manager von Unternehmen auf Egotrip?

Dass Manager von Unternehmen Aktienrückkäufe mitunter nutzen, um auf Kosten anderer Anteilseigner ihre eigenen Konten zu füllen, darf mittlerweile als amtlich erwiesen gelten. Kurz nach seiner Amtseinführung im Frühjahr 2018 hat der SEC Commissioner Robert Jackson von seinen Mitarbeitern 385 Rückkäufe untersuchen lassen, die in den vorangegangenen 15 Monaten durchgeführt worden waren. Demnach haben sich die Aktien von Unternehmen, die Aktienrückkäufe durchführten, in den 30 Tagen nach deren Ankündigung außergewöhnlich positiv entwickelt. Offenbar haben viele Manager diese positiven Kursentwicklungen genutzt, um eigene Unternehmensanteile zu versilbern: In der Hälfte der untersuchten Fälle hat mindestens ein Manager innerhalb eines Monats nach Ankündigung der Rückkäufe eigene Aktien des Unternehmens verkauft. Während der acht Tage nach Bekanntgabe der Programme habe man in doppelt so vielen Unternehmen Insider-Verkäufe beobachtet wie in gewöhnlichen Zeiten.

„Wir geben den Managern von Unternehmen Aktien, um sie davon zu überzeugen, langfristige Werte zu schaffen, die den amerikanischen Unternehmen, den Arbeitern und den Gemeinschaften zugutekommen, denen sie angehören. Stattdessen beobachten wir, dass Führungskräfte Rückkäufe als Chance nutzen, um sich ihre Vergütung auf Kosten der Investoren auszahlen zu lassen“, kritisierte Jackson in während einer Rede im Juni 2018. Manager behaupteten häufig, dass Rückkäufe eine sinnvolle langfristige Strategie für ihre Unternehmen seien. Wenn sie davon wirklich überzeugt seien, sollten diese Manager ihre Aktien aber auch langfristig halten anstatt unmittelbar nach Ankündigungen von Rückkaufprogrammen Kasse zu machen. Solche Verkäufe seien „nicht unbedingt illegal“, aber sie seien ein weiterer Beleg dafür, „dass Führungskräfte mehr Zeit für kurzfristige Aktiengeschäfte aufwenden als für die langfristige Wertschöpfung“.

„Kern einer künftigen Finanzmarktkrise“

Wer hofft, deutsche und europäische Aktiengesellschaften könnten von der Rückkaufseuche und den daraus resultierenden Problemen und Diskussionen verschont bleiben, dürfte enttäuscht werden. Die USA sind seit vielen Jahrzehnten der wichtigste Trendsetter an den internationalen Kapitalmärkten und es spricht derzeit nichts dafür, dass das in diesem Fall anders sein wird. In einer Ahnung dessen, was kommen könnte, hat die gewerkschaftsnahe Hans Böckler Stiftung bereits 2009 eine auch heute noch lesenswerte Studie mit dem Titel „Aktienrückkäufe und Effizienz der Aufsichtsratsarbeit“ veröffentlicht. Ein erklärtes Ziel war es, insbesondere die verschiedenen unternehmenspolitischen Wirkungen von Aktienrückkaufprogrammen zu erörtern.

Obwohl Aktienrückkäufe in Deutschland bisher kein Ersatz für Dividenden seien, „stellen sie für das Management eine erhebliche strategische Option dar und erfreuen sich vermehrter Beliebtheit“, heißt es in der Studie. „Das hohe Maß an Handlungsspielräumen hinsichtlich Timing, Erfüllungsgrad und Verwendungszweck birgt erhebliches Potenzial zur Steuerung der Finanzierungspolitik und als Instrument zur Beeinflussung der Gesellschafterstruktur sowie der Unternehmenspolitik, was zu Interessenkonflikten zwischen Management und Aktionären führen kann.“ Obwohl Aktienrückkäufe in Deutschland noch immer eine wesentlich geringere Rolle spielten als in den USA würden sie auch hierzulande zunehmend „als wesentliche Säule zur Umsetzung des Shareholder-Value-Paradigmas“ angesehen. Angesichts der bestehenden Intransparenz von Aktienrückkäufen und der in Europa geführten Diskussionen um eine weitere Deregulierung liege „in diesem Instrument damit bereits heute der Kern einer künftigen Finanzmarktkrise“.

Auch Deutschland droht ein Rückkauffieber

Immerhin besteht die leise Hoffnung, dass man die Lehren aus der Geschichte nicht ganz vergisst, denn auch in Deutschland waren Aktienrückkäufe lange Zeit verboten. Im Vorfeld und im Verlauf der deutschen Bankenkrise von 1931 hatten deutsche Großbanken teilweise massiv eigene Aktien zurückgekauft und damit in einer ohnehin schwierigen Situation ihr Eigenkapital und ihre liquiden Mittel weiter verringert. Um einen drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, hat der deutsche Gesetzgeber schließlich am 19. November 1931 per Notverordnung ein allgemeines Verbot für den Rückkauf eigener Aktien erlassen, das – unter Zulassung einiger weniger, genau definierter Ausnahmefälle – bis 1998 fort bestand (siehe hierzu auch die Dissertation „Der Rückkauf eigener Anteile im deutschen Finanzsystem“).

Mittlerweile scheinen Rückkaufprogramme auch für einige deutsche Aktiengesellschaften, wie Adidas, Allianz, Munich Re oder Siemens, zur Routine geworden zu sein. Insgesamt haben deutsche Konzerne 2018 immerhin für rund 8,6 Milliarden Euro eigene Aktien erworben – so viel wie seit der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr. Zwar haben im vergangenen Jahr lediglich sieben der 80 Unternehmen, die im Dax und M-Dax gelistet sind, eigene Anteile erworben, allerdings haben 66 Konzerne sich von ihren Aktionären Genehmigungen für Rückkäufe erteilen lassen. Der Trend dürfte also weiter aufwärts gehen.

Spekulanten fördern den Boom

Als Katalysator für Aktienrückkäufe treten auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern immer öfter aktivistische Fonds auf. Diese Fonds legen sich teilweise in aller Öffentlichkeit mit den Geschäftsführern und Aufsichtsräten einzelner Aktiengesellschaften an, um mit ihren Beteiligungen möglichst schnell möglichst hohe Kursgewinne zu erzielen. Großzügige, häufig kreditfinanzierte Aktienrückkaufprogramme gehören zu einem der Standards in ihren Forderungskatalogen.

Ein gutes Beispiel liefert der „Angriff“ des von Daniel Loeb geleiteten aktivistischen Hedgefonds Third Point auf den Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Loebs Fonds hatte bis Mitte 2017 für rund 3,5 Milliarden US-Dollar gut 40 Millionen Nestlé-Aktien erworben und das Management zu verschiedenen Maßnahmen gedrängt, um den Aktienkurs zu steigern. Bereits wenige Tage nach dem offiziellen Einstieg des US-Hedgefonds hat Nestlé ein Aktienrückkaufprogramm in Höhe von 20 Milliarden Schweizer Franken angekündigt, das bis Anfang Juli 2020 abgeschlossen sein soll und die Verschuldung des Unternehmens deutlich erhöhen wird. Da die erhofften Kurssteigerungen zunächst ausblieben, legte Loeb nach: Im Herbst 2018 warf er dem Nestlé-Management öffentlich einen „konfusen strategischen Kurs“ vor und forderte unter anderem den schnelleren Verkauf von Unternehmensbeteiligungen. Die daraus erzielten Erlöse soll das Unternehmen für Akquisitionen und weitere Aktienrückkäufe verwenden. Offenbar hat Loeb diesmal erreicht, was er wollte: In den ersten acht Monaten des Jahres 2019 ist der Kurs der Nestlé-Aktie um rund 37 Prozent gestiegen.

In Deutschland hat derzeit das im M-Dax notierte Internetunternehmen Scout 24 mit den Forderungen des von Paul Singer gegründeten aktivistischen Hedgefonds Elliott Advisors zu kämpfen. Mit einem Aktienanteil von rund 7,5 Prozent gehört Elliott zu den einflussreichsten Aktionären des Unternehmens. Nach mehreren Treffen mit dem Hedgefonds hat der Scout-Vorstand im Juli neben anderen Zugeständnissen zur „Optimierung der Kapitalstruktur“ ein 300 Millionen Euro umfassendes, schuldenfinanziertes Aktienrückkaufprogramm angekündigt, das im September 2019 beginnen und innerhalb von 12 Monaten durchgeführt werden soll. Singer ist das nicht genug: „Ihre Ankündigung eines Aktienrückkaufprogramms in Höhe von 300 Millionen Euro war eine weitere Enttäuschung: Sie suggerierte eine gewisse Vorwärtsdynamik, die allerdings jegliche Ambition vermissen ließ“, schrieben die Hedgefondsmanager Ende Juli in einem offenen Brief an den CEO und an den Aufsichtsratsvorsitzenden der Gesellschaft. Ihrer Meinung nach könnte der Aktienkurs des Unternehmens auf mehr als 65 Euro steigen (Anfang September 2019 notierte die Aktie bei etwa 53 Euro). Scout 24 könne eine höhere Verschuldung tragen und daher auch Aktienrückkäufe jenseits der Milliardengrenze verkraften.

Für Investoren oft ein schlechtes Geschäft

All dies zeigt: Es gibt viele gute Gründe, sich mit Aktienrückkäufen zu beschäftigen. Für deutsche Vorstände und Aufsichtsräte sollte dies angesichts der geschilderten Entwicklungen ohnehin längst eine Pflichtübung sein. Da allzu eigennützige Führungskräfte vermutlich kein Monopol von US-Unternehmen sind und zudem auch größere deutsche Aktiengesellschaften, wie SAP, Bayer oder Thyssen-Krupp, immer öfter mit aktivistischen Investoren und anderen Spekulanten zu kämpfen haben, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch deutsche Politiker dieses Thema für sich entdecken werden. Und auch Anleger, die langfristig in Aktien oder Aktienfonds investieren möchten, sollten zumindest über wichtige Grundlagen Bescheid wissen: Für sie sind Aktienrückkaufprogramme trotz anders lautender Beteuerungen des Managements oder interessierter Spekulanten allzu oft ein schlechtes Geschäft.

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