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Geldanlage

Belegschaftsaktien – Für die Altersvorsorge ungeeignet

Deutsche Konzerne propagieren Mitarbeiteraktien für die Altersvorsorge. Doch wer Aktien der eigenen Firma hält, erhöht sein Risiko erheblich. Kluge Anleger meiden die Branche, in der sie arbeiten.

Pünktlich zu den Koalitionsverhandlungen prescht eine Handvoll Unternehmen mit einem „Berliner Appell“ vor. Darin fordern die Manager üppige Steuererleichterungen, mit denen Belegschaftsaktien attraktiver gemacht werden sollen. Zur Begründung heißt es, dass nur ein geringer Anteil der Deutschen Aktien besitze.

„Damit sind die Deutschen nicht nur abgekoppelt vom wirtschaftlichen Erfolg, sondern lassen auch eine Form der Vermögensbildung und Altersvorsorge weitgehend ungenutzt, die nicht nur im derzeitigen Niedrigzinsumfeld eine attraktive Rendite verspricht. Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems ist die Mitarbeiterkapitalbeteiligung, also die finanzielle Beteiligung der Beschäftigten am Kapital des Arbeit gebenden Unternehmens, welche zusätzlich zum Tariflohn ausgezahlt wird“, behaupten die rund 60 Unterzeichner, darunter Vorstände von Dax-30-Unternehmen wie BASF und Adidas.

Auf Twitter lässt sich der Siemens-Chef Joe Kaeser (Foto oben) höchstpersönlich mit den Worten zitieren: „Eine langfristige und attraktive Form der Vermögensbildung ist, wenn sich Mitarbeiter an ihrem Unternehmen beteiligen können. Diese langfristige Beteiligung am Unternehmen und Alterssicherung braucht eine steuerliche Besserstellung der Arbeitnehmer.“

Eine einzelne Aktie ist kein gutes Investment

Als Vermögensverwalterin muss ich solch fragwürdigen Thesen vehement widersprechen. Beginnen wir mit der Behauptung, Mitarbeiteraktien seien langfristig attraktiv: Bezogen auf die Dax-Konzerne ist das per se bedauerlicherweise falsch. Von 29 Unternehmen, deren Aktien eine Kurshistorie von 10 Jahren vorweisen können, erlitten immerhin acht in diesem Zeitraum zum Teil heftige Verluste. Beispielsweise verloren die Aktien von RWE, EON und der Deutschen Bank fast 80 Prozent ihres Wertes. Die Commerzbank sogar mehr als 90 Prozent, was schon einem Totalverlust nahe kommt.

Zu den Wertvernichtungsmaschinen im Dax gesellen sich sechs weitere Unternehmen, die in den vergangenen zehn Jahren schlechter als der Index abschnitten. Im Dax betrug die Wahrscheinlichkeit, mit einer Mitarbeiteraktie Verluste zu erleiden oder ein schlechtes Geschäft zu machen also unter dem Strich fast 50 Prozent. In den Börsensegmenten außerhalb der Dax-Familie dürfte die Wahrscheinlichkeit, Schiffbruch zu erleiden, noch deutlich höher sein. Vermögensbildung und Altersvorsorge funktioniert so sicher nicht.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und nehmen nun an, Sie wären ein Mitarbeiter der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin und hätten in den vergangenen Jahren einen Teil Ihres Gehalts in Form von Mitarbeiteraktien erhalten. Im schlechtesten Fall wären Sie nun ihren Job UND Ihr Erspartes los.

Dies alles ungeachtet der Tatsache, dass es ganz grundsätzlich alles andere als empfehlenswert ist, nur eine Aktie in einem Depot zu führen. Das ist eine enorme Risikokonzentration, deren Diversifikation sich wohl wiederum nur die Großverdiener unter den Teilnehmern an einem Belegschaftsaktien-Programm leisten könnten.

Der norwegische Staatsfonds macht vor, wie es geht

Wer in das Unternehmen investiert, in dem er arbeitet, erhöht sein Risiko erheblich. Finanzmarktforscher, die sich mit dem Thema Geldanlage befassen, raten deswegen von solchen Investitionen ab. Manche empfehlen stattdessen, zur Risikostreuung Wertpapiere zu kaufen, deren Wert steigt, wenn der Aktienkurs des eigenen Unternehmens fällt. Soweit müsse man nicht gehen, sagt der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller. Aber Anleger sollten ihr Glück nicht vor der eigenen Haustür suchen, sondern international diversifizieren.

Dieser Regel folgt etwa der norwegische Staatsfonds, der den Wohlstand des Landes aus der Ölförderung für künftige Generationen erhalten und vermehren soll. Von seiner fast eine Billion US-Dollar, die der Fonds unter anderem weltweit in Aktien von fast 9000 Unternehmen angelegt hat, investiert das Management nicht einen Cent in norwegische Konzerne. Auch in anderen europäischen Volkswirtschaften, die strukturell der norwegischen ähneln, investiert der Fonds möglichst wenig. Stattdessen schweift er in die Ferne, nach Asien und in die USA etwa.

Das Kalkül hinter dieser Strategie: Die Erträge aus der Anlage der Öl-Milliarden sollen sich unabhängig von der norwegischen Wirtschaft entwickeln, damit die Quellen des Wohlstands nicht gleichzeitig versiegen. Für den Staatshaushalt ist das von elementarer Bedeutung, da ein Teil des Budgets mit Zuwendungen aus dem Fonds bestritten wird. Gingen die Steuereinnahmen des Staates wegen einer schlechten wirtschaftlichen Entwicklung und die Rendite des Staatsfonds gleichzeitig zurück, müssten die Norweger den Gürtel enger schnallen.

Mehr Frust als Lust in der Belegschaft, falls der Aktienkurs sinkt

Private Anleger sind gut beraten, wenn sie die Branche, in der sie arbeiten, meiden. Der amerikanische Finanzmarktexperte und Bestseller-Autor Jason Zweig hat kürzlich die Fondsindustrie aufgefordert, Indexfonds aufzulegen, die den gesamten Weltaktienmarkt abbilden, aber jeweils eine Branche vollständig ausklammern. Wenn Sie also beispielsweise Mitarbeiter der Commerzbank wären, könnten Sie einen Indexfonds kaufen, der weder Commerzbankaktien noch Aktien anderer Banken enthalten würde. Als Tickersymbol schlägt Zweig EXME.F vor.

Belegschaftsaktien sind zur Vermögensbildung und Altersvorsorge ungeeignet. Sie verpassen ihren Besitzern noch einen zusätzlichen Tritt in die Magengrube, wenn die schon am Boden liegen. Auch darf bezweifelt werden, dass Angestellte von großen Konzernen motivierter sind und verantwortungsvoller handeln, wenn ihnen ein winziger Bruchteil des Unternehmens gehört. Auf Entscheidungen, die den Aktienkurs beeinflussen, hat der durchschnittliche Angestellte dennoch keinen Einfluss. Statt Lust dürfte sich Frust in der Belegschaft breit machen, falls der Aktienkurs sich schlecht entwickelt.      

© WHITEBOX, aktualisiert am 31.05.2018

Foto: Siemens AG