Vermögensaufbau

Der deutsche Sparer, ein unverbesserlicher Masochist?

Vermögensaufbau im Niedrigzinsumfeld ist vergleichsweise hart. Denn Tages- und Festgeld werfen nichts mehr ab. Eine Lösung wäre, das Geld an den Kapitalmärkten anzulegen. Aktien offerieren Renditen. Doch anstatt dies zu tun, schränken sich die Menschen in Deutschland eher ein und konsumieren weniger.

Alle Jahre wieder gibt die Allianz ihren „Global Wealth Report“ heraus, in dem gezeigt wird, wie sich die privaten Geldvermögen in 50 Ländern entwickelt haben. Demnach erreicht Deutschland lediglich Rang 18 und liegt damit hinter seinen Nachbarländern Österreich und Frankreich und auch hinter Italien. Unter Geldvermögen versteht die Studie Bargeld, Bankeinlagen, Ansprüche aus Versicherungen und Pensionsfonds sowie Wertpapiere wie Aktien, Anleihen und Fondsanteile.

Die Deutschen zählen unter den 50 analysierten Ländern zu den ärmeren. Während in den USA das Vermögen pro Kopf bei 177 210 Euro und in der Schweiz bei 175 720 Euro liegt, sind es in Deutschland lediglich  49 760 Euro pro Person.  

Selbst wenn Ansprüche aus gesetzlichen Rentenversicherungen mit einbezogen werden würden, stiegen die Deutschen im Vermögens-Ranking kaum auf, so der Report. Auch ein Ausklammern der Ostdeutschen, die im Schnitt nur über halb so viel Geldvermögen verfügen wie die Westdeutschen, führt nicht zu einem großen Sprung nach vorne.

Weil die Deutschen Aktien scheuen, bleiben sie im internationalen Vergleich arme Schlucker

Der Grund, warum die Menschen hierzulande im Schnitt nur über eher bescheidene Vermögen verfügen, ist ihre Angst vor Aktien. Damit wollen sie einfach nichts zu tun haben, obwohl Aktien Renditen bringen und zudem eine liquide Asset-Klasse sind. Trotzdem bringen drei Viertel aller Deutschen ihr Geld aufs Tagesgeldkonto oder legen es in Versicherungen an – nichts davon bringt auskömmliche Zinsen. Allerdings gelten sie als sicher. Doch Sicherheit geht zur Lasten der Rendite. 

Von 2012 bis 2016 erreichten Personen aus Deutschland laut der Studie eine durchschnittliche Rendite von drei Prozent p.a.. Das war das zweitschlechteste Ergebnis innerhalb der europäischen Währungsunion. Lediglich die Österreicher unterboten dieses Ergebnis mit einer jährlichen Durchschnittsrendite von 2,6 Prozent. Zum Vergleich: Am besten schlugen sich die Finnen. Sie erzielten eine Rendite von satten acht Prozent pro Jahr. Wie haben sie das gemacht? Sie investierten  etwa 50 Prozent ihres Geldvermögens in Aktien und andere Wertpapiere. Finnland ist damit das wertpapieraffinste Land in Westeuropa. 

Deutsche Sparer erzielen nur niedrige Renditen

„Trotz miserabler Rendite“ wachse das Pro-Kopf-Geldvermögen in Deutschland schneller als im Durchschnitt für den Euroraum, heißt es in der Studie. Die Deutschen gleichen das Niedrizinsumfeld durch Konsumverzicht aus. Sie verzichten, um einen Teil ihres Einkommens zurückzulegen, wie die Grafik zeigt.

Deutsche sparen im europäischen Vergleich am meisten

Wie gehen andere Länder mit Geld um?

Außer in Österreich wird in allen anderen Ländern der Eurozone eine andere Vermögensbildungsstrategie eingesetzt. Der Vermögensaufbau wird entsprechend nicht durch Finanzspritzen aus dem Arbeitseinkommen quersubventioniert. Mit Ausnahme von Österreich und Deutschland lassen die Euro-Europäer ihr Geld für sich arbeiten und nicht umgekehrt. Durch Erträge aus Zinsen und Dividenden bessern sie ihre Haushaltskasse auf.

In Deutschland und Österreich hingegen erinnert der Umgang mit Geld an Masochismus. Hier wird für Geld oder den Vermögensaufbau gearbeitet anstatt das Geld für sich arbeiten zu lassen. Allerdings sollte auch beachtet werden, dass niedrige Zinsen nicht automatisch das Inkaufnehmen von mehr Risiko bedeuten sollte. Jeder sollte nach seiner eigenen Risikoneigung anlegen. Wer bei Volatilität Angst bekommt und keine Ruhe findet, sollte die Finger von der Börse lassen.

Viel Geld für wenig Gehalt

Vielleicht würde sich der eine oder andere es anders überlegen, vorausgesetzt er hätte Zugang zu gehaltvollen Informationen, die die Chancen und Risiken richtig benennen. Doch genau das wird bei Banken nicht groß geschrieben. Die Finanzindustrie macht genau das, was sie schon immer getan hat – Versprechen als Reaktion auf die Finanzkrise waren bestenfalls Lippenbekenntnisse. Kunden, die noch wenig Erfahrung haben, werden verblendet. Was zählt, ist nicht das Wohl des Kunden, sondern die Margen. Von einem „der Kunde ist König" kann keine Rede sein.

Das unterstreichen zum Beispiel Kostenmodelle für Wertpapierdepots von gewissen Filialbanken. Zusammen mit den Verwaltungskosten von Fonds sind die Entgelte bisweilen so hoch, dass für den Anleger kaum etwas übrig bleiben kann. Unter dem Strich darf er lediglich auf eine Rendite hoffen, die nur wenig über der von sicheren Bankeinlagen liegt, muss dafür aber ein deutlich höheres Risiko eingehen. So gesehen ist es vollkommen rational, auf derartige Angebote dankend zu verzichten.

Es ist also kein Wunder, dass sich die Finanzbranche mit ihren häufig überhöhten Preisen im Wertpapiergeschäft die Zähne an den Deutschen ausbeißt. Und die wiederum haben grundsätzlich alles richtig gemacht. Sie haben sich Sparziele gesetzt, die wegen der niedrigen Zinsen mit sicheren Anlagen nicht mehr zu erreichen sind. In so einer Situation bleiben nur drei Möglichkeiten: Sparziele aufgeben, riskanter anlegen oder mehr sparen. Die Deutschen haben sich entsprechend ihrer Risikoneigung für letzteres entschieden. Falsch wäre es gewesen, den Vermögensaufbau aufzugeben.

Künftig werden die Deutschen mit ihrem Ersparten noch weniger verdienen

Falls sich das Anlageverhalten der Sparer zwischen Rostock und München nicht ändert, dürfte ihre durchschnittliche Rendite in den kommenden Jahren noch weiter sinken. Denn in den vergangenen Jahren profitierten sie noch von steigenden Kursen sicherer Staatsanleihen – von vielen die bevorzugten Wertpapiere, in die auch Versicherungen das Geld ihrer Kunden stecken. Die Preise für Staatsanleihen sind aber mittlerweile ausgereizt. Steigen die Zinsen, werden ihre Kurse sinken.

Für die deutschen Sparer bedeutet das: Sie müssen sich auch weiterhin entscheiden, ob sie mehr Risiko eingehen und ihre Aktienquote erhöhen oder doch lieber noch mehr sparen als bisher, um die sinkenden Renditen zu kompensieren.

© WHITEBOX, aktualisiert am 30.04.2018

Foto: Niels Steeman / Unsplash