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Simulierte Renditen sind ein Werkzeug für Finanzprofis | Whitebox
Rendite | Investieren | 5 min

Simulierte Renditen sind ein Werkzeug für Finanzprofis

Geschrieben von Salome Preiswerk
28. Mai 2020
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Inhaltsverzeichnis

      Die Simulation von Renditen mit Kursdaten aus der Vergangenheit ist in der Finanzbranche eine weit verbreitete Praxis. Solche Backtests können Finanzprofis beispielsweise dabei helfen, ihr Risikomanagement oder ihre Anlagestrategien zu verbessern. Wenn Produktanbieter sie in der Kommunikation mit Investoren verwenden, ist jedoch Vorsicht angebracht.

      Der moderne Mensch hat sich daran gewöhnt, dass die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt verschwimmen. Virtuelle Welten halten zunehmend Einzug in unser Alltagsleben. Auch in der Finanzbranche haben Modelle, Algorithmen und künstliche Intelligenz ein sehr dynamisches Eigenleben entwickelt, das die Kapitalmärkte immer stärker prägt und beeinflusst. Mit der Verfügbarkeit leistungsfähiger Computer und umfangreicher Datensätze ist die Simulation von Wirklichkeit zu einem eigenen Wissenschaftszweig herangewachsen. Sie gehört nicht nur für Ökonomen an Universitäten zum Alltag, sondern hat auch in der Praxis einen scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug angetreten. Experten nutzen Simulationen nicht nur für Prognosen aller Art, sondern auch zur Berechnung von Renditen, die in der Realität niemals erwirtschaftet wurden.

      Backtesting ist ein beliebtes Simulationsverfahren

      In der Vermögensverwaltung kommen solche Techniken in verschiedenen Bereichen zum Einsatz, beispielsweise im Risikomanagement, in der Performanceanalayse sowie in der Entwicklung und Optimierung von Anlagestrategien. So gehört es für viele Portfoliomanager mittlerweile zur Routine, Anlagestrategien mithilfe „historischer“ Kurse und Preise zu testen – vor allem, wenn sie regel- oder modellbasierte Strategien oder Trendfolgeansätze umsetzen. Dabei errechnen sie mit Kurs- oder Preisdaten aus der Vergangenheit, welche Ergebnisse sie mit ihren Strategien in einem zurückliegenden Zeitraum erzielt hätten. Wenn man dieses sogenannte Backtesting sorgfältig und gewissenhaft durchführt, kann es ein hilfreiches Werkzeug für die Analyse und die Weiterentwicklung von Anlagestrategien sein.

      Backtests enthalten zahlreiche Fehlerquellen

      Aussagekräftige Backtests und die sinnvolle Interpretation der dabei erhaltenen Ergebnisse sind allerdings schwierige und anspruchsvolle Aufgaben. Denn zahlreiche Faktoren können bei solchen Tests zu erheblichen Verzerrungen der Ergebnisse führen:

      • grundlegende Dinge wie Umfang und Qualität der verfügbaren Daten
      • eine Fülle, teilweise unbewusster, psychologischer Phänomene, welche die Wahrnehmung und Interpretation der Ergebnisse beeinflussen können.
      • der Survivorship-Bias: Dieser entsteht, wenn man Daten von Wertpapieren, die zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht mehr existieren, im betrachteten Zeitraum aber eine Rolle gespielt haben, bei der Simulation nicht berücksichtigt. Das können zum Beispiel Aktien von Unternehmen sein, die in dieser Phase pleite gegangen oder aus anderen Gründen von den Kurszetteln der Börsen verschwunden sind.
      • die Wahl des richtigen Zeitraums: Testet man eine Anlagestrategie beispielsweise nur während einer Haussephase der Märkte, lassen sich daraus keine sinnvollen Schlüsse auf deren Qualität in Baissephasen ziehen.
      • das Nicht-Beachten relevanter Aspekte: häufig berücksichtigen Anbieter die Auswirkungen der eigenen Handelsaktivitäten auf die Kursentwicklungen der gehandelten Wertpapiere bei der Simulation nicht oder unterschätzen diese (einen etwas ausführlicheren Überblick über häufige Fehlerquellen von Backtests finden Sie im Blogpost „9 Mistakes Quants Make That Cause Backtests to Lie“).

      Tatsächlich liefern mithilfe von Backtests entwickelte Anlagestrategien selbst im besten Fall lediglich halbwegs realistische Annäherungen an die Renditen, die man in der Vergangenheit mit einem realen Wertpapierportfolio hätte erzielen können. Insofern ist es sinnvoll und gut, dass simulierte Renditen vor allem ein Spielzeug von Tradern und Experten sind und viele Investoren nur selten direkt mit ihnen konfrontiert werden.

      Simulierte Renditen in der Produktwerbung

      Allerdings verwenden Fondsanbieter die Ergebnisse von Backtests mitunter auch in der Kommunikation mit Privatanlegern: Bei der Werbung für neue Fonds oder Anlagestrategien. Insbesondere bei quantitativen oder regelbasierten Anlagestrategien nutzen sie dabei das zunächst einleuchtende Argument, dass eine Simulation mit historischen Kursdaten zeige, wie der Fonds oder die Strategie in der Vergangenheit abgeschnitten hätte, wenn man den entsprechenden Regeln gemäß investiert hätte.

      In solchen Situationen können Laien unmöglich beurteilen, ob der Produktanbieter die simulierten Renditen seriös und gewissenhaft ermittelt oder im Sinne besserer Verkaufszahlen optimiert hat. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass Marketinggesichtspunkte hier eine wichtige Rolle spielen: „Ich habe noch nie einen schlechten Backtest gesehen“, warnte beispielsweise Dimitris Melas. Und Melas dürfte schon viele Backtests gesehen haben, schließlich ist er Geschäftsführer und weltweiter Leiter der Abteilung Core Equity Research des Research-Unternehmens und Indexanbieters MSCI.

      Auch Marktindizes sind simulierte Portfolios

      Auch bei Exchange Traded Funds (ETFs) werben Produktanbieter immer wieder für neu aufgelegte Fonds, indem sie interessierten Anlegern die Wertentwicklungen von Indizes präsentieren, welche die ETFs nachbilden sollen. Aus Perspektive eines Portfoliomanagers sind Indizes nichts anderes als regelbasierte Anlagestrategien. Die Indexentwicklung der vergangenen Jahre kann dann quasi als Ergebnis eines Backtests der entsprechenden Strategie interpretiert werden.

      Doch aus der Wertentwicklung von Indizes kann man nicht einfach auf die Entwicklung von ETFs schließen, die diese Indizes abbilden. Das zeigt sich bereits dann, wenn die Fonds lediglich etablierte Marktindizes replizieren, also beispielsweise den Dax, den Euro Stoxx oder den S&P 500. Diese Indizes spiegeln die Entwicklungen wichtiger Standardaktien aus Deutschland, Europa und den USA wieder. Die Regeln für die Zusammensetzung traditioneller Marktindizes haben Börsenbetreiber, unabhängige Indexanbieter oder Medien festgelegt, Produktanbieter können sie also nicht beeinflussen.

      Dennoch zeigt sich bereits in diesem relativ unproblematischen Fall eine häufige Schwierigkeit von Simulationen: Bei der Berechnung solcher Marktindizes werden nämlich keinerlei Kosten berücksichtigt – auch keine Transaktionskosten, die beim Handel mit Wertpapieren entstehen. Da in jedem Investmentfonds jedoch zwangsläufig verschiedene Kosten anfallen, ist es grundsätzlich unmöglich, die Wertentwicklung solcher Indizes einfach dadurch zu erwirtschaften, dass man das Indexportfolio eins zu eins nachbildet. Die Nettorenditen der Fonds würden dann zwangsläufig niedriger ausfallen als die aus den Indexentwicklungen errechneten Renditen.

      Bei „Strategieindizes“ ist Vorsicht angebracht

      Noch komplizierter ist die Situation bei ETFs, die aktive Anlagestrategien verfolgen, um bessere Wertentwicklungen zu erzielen als traditionelle Marktindizes. Auch hierbei handelt es sich normalerweise um regelbasierte Portfolios, die als Indizes deklariert und mit historischen Daten zurückgerechnet werden. Diese sogenannten „Strategieindizes“ werden oft von oder in direkter Zusammenarbeit mit den Fondsanbietern entwickelt. Es besteht daher ein erheblicher Anreiz, bei ihrer Konstruktion stärker auf kurzfristige Absatzerfolge zu achten als auf die langfristigen Renditechancen der jeweiligen Strategien. Da die Regeln für die Zusammenstellung dieser „Indizes“ völlig frei definiert werden können, lassen sie sich immer auch so konstruieren, dass sie in einem bestimmten Zeitraum in der Vergangenheit überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt hätten. Durch die Deklaration als Index erhalten diese simulierten Renditen zudem einen Hauch von Seriosität, der als zusätzliches Verkaufsargument dienen kann.

      Wenn Produktanbieter Backtests oder Indizes nutzen, um mit simulierten Renditen für neue Fonds oder andere Anlageprodukte zu werben, sollten Anleger deshalb grundsätzlich vorsichtig und zurückhaltend sein: In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass Backtests weniger zu einer realistischen Darstellung der jeweiligen Anlagestrategien genutzt werden als zur Optimierung der Verkaufsbemühungen. Hierfür bieten sich Simulationen geradezu an, weil es zahlreiche Stellschrauben erlauben, sehr ansprechende Wertentwicklungen darzustellen.

      Wie können Investoren mit Backtests und simulierten Renditen umgehen?

      Weil das auch der Gesetzgeber weiß, gibt er Produktanbietern bestimmte Regeln vor, die sie bei der Veröffentlichung ihrer Performancedaten befolgen müssen. Schon die Darstellung tatsächlich erzielter Renditen muss stets mit einem Warnhinweis verbunden werden, etwa „Wertsteigerungen in der Vergangenheit lassen keinen Schluss auf zukünftige Ergebnisse zu“. Analog müssen Fondsanbieter Anleger darauf hinweisen, wenn sie in ihren Publikationen Ergebnisse aus Backtests verwenden. So steht im Kleingedruckten eines Anbieters von ETFs neben einer Begriffserklärung unter anderem Folgendes: „Durch Backtesting erzielte Wertsteigerungen sind rein hypothetisch und werden in diesem Dokument einzig und allein zu Informationszwecken aufgeführt. Daten, die durch Backtesting gesammelt wurden, stellen keine tatsächlichen Wertsteigerungen dar und dürfen nicht als Indikator für tatsächliche oder zukünftige Wertsteigerungen angesehen werden.“

      Vergangene Performancedaten stellen trotz aller berechtigten Bedenken einen wichtigen Faktor bei Anlageentscheidungen dar. Privatanleger sollten solche Warnungen deshalb sehr ernst nehmen und sich auf keinen Fall von simulierten Renditen blenden lassen. Meist ist es am besten, sie einfach zu ignorieren. Sie können stattdessen dem Beispiel vieler institutioneller Investoren folgen, die einem Manager oder einem Fonds in den meisten Fällen erst dann Geld anvertrauen, wenn er eine mindestens drei Jahre währende reale Wertentwicklung vorweisen kann. Schon diese realen Performancedaten sind schwierig zu interpretieren und lassen keine einfachen Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu. Im Gegensatz zu Backtests liefern sie aber immerhin eine solide Basis, um die Qualität eines Managers oder einer Anlagestrategie zu beurteilen.