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Warum der Umgang mit Risiken so schwierig ist | Whitebox
Anlagestrategie | 5 min

Warum der Umgang mit Risiken so schwierig ist

Geschrieben von Salome Preiswerk
6. Oktober 2020
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Inhaltsverzeichnis

      „Dem Mutigen gehört die Welt“, sagt ein Sprichwort. Doch die Grenze zwischen Mut und Leichtsinn ist bisweilen schwer zu ziehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der zielgerichtete und verantwortungsbewusste Umgang mit Risiken und Ungewissheiten. Wir gehen der Frage nach, warum dieser oft schwierig ist. Und wir erläutern, warum statistische Modelle allein als Entscheidungsgrundlage selten ausreichen.

      Gefahren und Risiken begegnen uns immer und überall, sie gehören zum Leben wie das Amen in der Kirche. Dabei sind sie keineswegs immer negativ besetzt: „Wo kein Wagnis, da kein Gewinn. Wo kein Spiel, da kein Leben“, hat schon Martin Luther verkündet. Und ein Slogan moderner Spaßgesellschaften lautet: „No risk, no fun!“ Damit Menschen Risiken auch als Chance wahrnehmen, muss jedoch eine wichtige Bedingung erfüllt sein: Sie müssen sie einschätzen und im besten Fall sogar kontrollieren können. Doch sobald man sich intensiver mit dem Thema beschäftigt, wird es schnell kompliziert: Was meinen wir eigentlich, wenn wir „Risiko“ sagen? Und wie kann man Risiken kontrollieren oder managen?

      Was bedeutet Risiko?

      Tatsächlich gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs Risiko. Das liegt zum Beispiel daran, dass wir ihn in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen mit verschiedenen Bedeutungen nutzen. In der Umgangssprache verwenden die meisten Menschen Ausdrücke wie Risiko, Gefahr, Wagnis, Ungewissheit oder auch Unsicherheit oft synonym.

      Einigkeit scheint darüber zu bestehen, dass der Terminus Risiko im Allgemeinen die Möglichkeit bezeichnet, dass unerwünschte oder ungünstige Ereignisse eintreten – beispielsweise Unfälle, schwere Krankheiten, Altersarmut, der Verlust geliebter Menschen oder auch bleibender Kapitalverlust.

      Probleme im Umgang mit Risiken

      Sowohl die uneinheitliche Definition von Risiko als auch weitere Aspekte wirken sich unterschiedlich auf verschiedene Menschen und Situationen aus:

      1. Risiken sind eng mit Emotionen verknüpft: Während sie bei einigen Menschen Angst auslösen, können sie für andere eine Herausforderung darstellen. „Risikomanagement basiert auf Umgang mit der Angst, egal ob im Sport, in der Wirtschaft, im Leben“, ist der Profibergsteiger und Extremkletterer Alexander Huber überzeugt. „Das betrifft nicht nur mich, sondern jeden, der wichtige Entscheidungen trifft.“ Für Huber ist Bergsteigen „nichts anderes als eine Metapher für das Leben: Jedes Problem ist wie ein Berg. Ich sammele Informationen, kläre die Wege, beachte das Wetter“. Eine seiner Erfahrungen: Selbst bei sorgfältigster Planung erfordere jede komplexe Problemstellung am Ende „immer noch eine Entscheidung aus dem Bauch heraus“.
      2. Mitunter gehen die Vorstellungen davon, was als unerwünscht oder ungünstig gilt, recht weit auseinander. Das liegt auch daran, dass Menschen sich unterschiedliche Ziele setzen oder unterschiedliche Erwartungen haben. In der Praxis ergeben sich daraus häufig ganz unterschiedliche Perspektiven auf Risiken und Gefahren. Das lässt sich am Beispiel des Bergsteigens gut illustrieren: Wer einen Berg erwandern möchte, hat andere Ziele als ein Sportkletterer oder ein Hochtourenbergsteiger. Aus solchen Zielen resultieren nicht nur spezifische Anforderungen an die technischen und konditionellen Fähigkeiten der Bergsteiger, sondern auch unterschiedliche Perspektiven auf die damit verbundenen Risiken und Gefahren.

      Vielen Wissenschaftlern sind Emotionen und Bauchgefühle suspekt. Daher versuchen sie, diese durch eine spezielle Definition des Begriffs Risiko weitgehend aus dem Spiel zu halten. Gerd Gigerenzer, einer der profiliertesten Kognitionswissenschaftler Deutschlands, hat diese einmal so formuliert: „Eine Entscheidung unter Risiko bedeutet, dass alle möglichen Ereignisse und deren Wahrscheinlichkeiten bekannt sind – wie bei einer Lotterie.“ Unter solchen Voraussetzungen lassen sich Risiken statistisch vorhersagen und diese Prognosen in die eigenen Entscheidungsprozesse einbeziehen. Dann bildet eine korrekte Anwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine ausreichende Grundlage für rationale Entscheidungen.

      Risiken in den Finanzwissenschaften

      Diese Vorstellungen herrschen auch in der Ökonomie und in den Finanzwissenschaften vor: Rationale Entscheidungen dienen demnach dazu, den erwarteten Nutzen zu maximieren. Sie folgen den Gesetzen der Logik und den Regeln der Wahrscheinlichkeitstheorie. Auf dieser Grundlage ist auch die moderne Portfoliotheorie aufgebaut. Ihr zufolge streben rationale Investoren nach möglichst hohen Renditen bei möglichst geringen Risiken. Was konkret möglich ist, lässt sich demnach über Renditeverteilungen, Erwartungswerte und Streuungen mit statistischen Methoden berechnen.

      Doch diese statistischen Methoden haben Grenzen. Bleiben wir beim Beispiel der Portfoliotheorie, in der die Volatilität oder Standardabweichung der Rendite eines Portfolios traditionell als wichtigstes Risikomaß gilt: Risiko bezeichnet hier das Ausmaß der Streuung der Rendite um ihren Erwartungs- oder Mittelwert. Das heißt: Je stärker beispielsweise der Kurs einer Aktie schwankt, desto größer ist das Risiko, dass der Aktienkurs sich in einem bestimmten Zeitraum anders entwickelt als es ein Anleger erwartet. Das gilt unabhängig davon, ob es sich um positive oder negative Abweichungen von diesem Wert handelt.

      Gemäß dieser Definition gelten auch unerwartet oder überdurchschnittlich hohe Renditen als Risiken, obwohl die meisten Anleger solche Ergebnisse begrüßen würden. Sie folgt damit nicht der Gepflogenheit, den Begriff Risiko nur dann zu verwenden, wenn ungünstige oder unerwünschte Ereignisse eintreten können. Fragt man theoretisch unbelastete Investoren danach, welche Risiken sie bei der Verwaltung ihrer Wertpapierportfolios minimieren möchten, dürfte zudem kaum einer auf die Idee kommen, an erster Stelle die Schwankungsbreite von Kursen oder Preisen zu nennen. Wer Risiken eines Portfolios vornehmlich über dessen Volatilität zu managen versucht, läuft insofern Gefahr, es an den Interessen seiner Investoren vorbei zu verwalten.

      Die Wirklichkeit ist komplexer als ein Würfelspiel

      Bei Anlageentscheidungen können unterschiedliche Ziele und Strategien zu ganz verschiedenen Perspektiven auf die mit einer Anlage verbundenen Risiken führen. Ein Investor, der sein Geld zehn oder 20 Jahre lang in die Aktien eines Unternehmens anlegen möchte, muss dabei ganz andere Risiken beachten als ein Spekulant, der von kurzfristigen Veränderungen des Aktienkurses profitieren will:

      • Die Volatilität des Aktienkurses ist für den Spekulanten ein wichtiger Risikofaktor, während sie für den Investor nahezu unwichtig ist.
      • Für den langfristig ausgerichteten Anleger ist es wichtig, dass das betreffende Unternehmen auch in zehn oder 20 Jahren noch gut aufgestellt ist und profitabel wirtschaftet. Kurzfristige Schwankungen des Aktienkurses lassen in der Regel keinerlei Schlüsse darauf zu, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich eine solche Entwicklung ist.
      • Für den Spekulanten stellen die langfristigen wirtschaftlichen Perspektiven des Unternehmens dagegen keinen relevanten Risikofaktor dar; meist ist es ihm sogar völlig egal, ob es in zehn Jahren überhaupt noch existiert.

      Schon diese einfachen Beispiele deuten darauf hin, dass statistische Risikomodelle bei vielen komplexen Entscheidungsprozessen nur von begrenztem Nutzen sind. Denn die Wirklichkeit ist meist viel komplexer als Würfelspiele oder Roulette und lässt sich daher mit solchen Modellen nur unzureichend beschreiben und prognostizieren. Anders als beim Würfeln sind im richtigen Leben meist nicht alle möglichen Ergebnisse einer Handlung und deren zugehörige Wahrscheinlichkeiten bekannt. Viele Entscheidungen erfolgen unter Ungewissheiten, die sich nicht mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung abschätzen lassen. Das gilt für Bergsteiger ebenso wie für Investoren.

      Tatsächlich gibt es andere Methoden, um sinnvoll mit solchen Situationen umzugehen. In der Praxis treffen die meisten Menschen einen Großteil ihrer Entscheidungen, ohne zuvor Statistiklehrbücher zu konsultieren oder ein wissenschaftlich fundiertes Risikomanagement zu betreiben. „Wahrscheinlichkeitstheorie ist eine schöne mathematische Theorie. Aber sie beschreibt nicht, wie die meisten von uns wichtige Entscheidungen treffen“, betont Gigerenzer. Für Entscheidungen unter Ungewissheit, also zum Beispiel in unbekannten oder instabilen Situationen, benötige man „intelligente Heuristiken“ (siehe hierzu auch „Rationales Entscheiden unter Ungewissheit ≠ Rationales Entscheiden unter Risiko“).

      Statistische Methoden sind nicht immer die beste Entscheidungsgrundlage

      Heuristiken sind Verfahren und Regeln, die auf Erfahrungen und Intuition beruhen – beispielsweise das Prinzip von Versuch und Irrtum, neudeutsch auch als Trial-and-Error-Methode bekannt. Genau mit solchen Heuristiken hat sich Gigerenzer, der Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, lange und intensiv beschäftigt. Eine Heuristik sucht ihm zufolge „nach einer einfachen statt einer komplizierten Lösung und verkörpert die Kunst, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Rest zu ignorieren“. Als Wissenschaftler interessiere ihn vor allem die Frage, wann „mehr“ besser sei und wann „weniger“.

      Ein wichtiges Ergebnis seiner Forschungen widerspricht Ansichten und Meinungen, die unter Ökonomen und anderen Wissenschaftlern zurzeit weit verbreitet sind: „Mehr Information ist immer besser. Mehr Zeit ist immer besser. Mehr Optionen sind immer besser. Mehr Berechnungen sind immer besser. Dieses Schema steckt tief in uns drin, aber es ist falsch!“ Gerade in Entscheidungssituationen, die Elemente der Ungewissheit enthalten, führten intelligente Heuristiken häufig zu besseren Prognosen als komplexe und umfangreiche statistische Kalkulationen. Und die meisten Entscheidungen, die Menschen treffen, enthalten auch solche Elemente der Ungewissheit.

      Gigerenzer ist der Auffassung, dass rationales Entscheiden unter Unsicherheit andere Methoden erfordert als Entscheiden unter Risiko. Wahrscheinlichkeitstheorie und die Maximierung des erwarteten Nutzens reichten hierfür nicht aus. Häufig seien einfache, robuste Heuristiken bessere Werkzeuge, um mit Ungewissheit umzugehen. „Da die meisten Situationen eine Mischung von Risiko und Ungewissheit darstellen, braucht man am Ende beides: statistische und heuristische Methoden zur Entscheidung“, ist er überzeugt.

      Anlageentscheidungen: Die richtige Mischung macht’s

      Für Anleger besteht die Alternative beim Umgang mit Risiken und Ungewissheiten also nicht darin, sich zwischen komplexen statistischen Analysen und einem rein subjektiven Bauchgefühl zu entscheiden. Vielmehr stellen sinnvolle Heuristiken eine interessante und häufig sogar sehr gute Möglichkeit dar, um durchdachte Anlageentscheidungen zu treffen.