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Wirtschaftsprognosen: Volkswirte in Erklärungsnot | Whitebox
Value-Investing | 6 min

Wirtschaftsprognosen: Volkswirte in Erklärungsnot

Geschrieben von Salome Preiswerk
7. Mai 2020
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Inhaltsverzeichnis

      In jeder größeren Krise taucht dieselbe Frage auf: Warum sind Ökonomen nicht in der Lage, Wirtschaftskrisen und Rezessionen rechtzeitig und zuverlässig vorherzusagen? Einfache Antworten gibt es nicht. Langfristig orientierte Anleger brauchen sich darüber jedoch nicht den Kopf zu zerbrechen: Für sie sind solche Prognosen ohnehin unwichtig.

      Den 5. November 2008 wird Luis Garicano vermutlich nie vergessen. Der spanische Ökonom war damals Professor an der angesehenen London School of Economics. Zur Einweihung eines neuen Universitätsgebäudes hatte sich hoher Besuch angekündigt: Queen Elisabeth II. und ihr Gatte Prinz Philip verliehen dem Ereignis eine ungewöhnlich hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Garicano wurde die Ehre zuteil, der Königin in diesem Rahmen eine kurze Einführung in Ursachen und Auswirkungen der Immobilien- und Finanzmarktkrise zu geben, die im Sommer 2007 in den USA begonnen und sich rasch zu einer schweren weltweiten Wirtschaftskrise ausgeweitet hatte.

      Was selbst die Queen fassungslos machte

      „Ich war beeindruckt“, gab der Professor den Journalisten anschließend zu Protokoll. „Ich hatte sie mir als nette alte Dame vorgestellt, aber sie ist tatsächlich sehr scharfsinnig.“ Die Königin habe verärgert gewirkt und sei „äußerst interessiert“ gewesen. Sie habe ihr Erstaunen und ihre Fassungslosigkeit darüber ausgedrückt, dass anscheinend niemand rechtzeitig bemerkt hatte, dass in den USA massenhaft Kredite an Menschen vergeben worden waren, die diese ganz offensichtlich nicht zurückzahlen konnten. Schließlich habe die Queen ihm folgende Frage gestellt: „Wenn diese Probleme so schwerwiegend waren, warum haben sie dann alle übersehen?“ Und eine große britische Boulevardzeitung titelte knapp: „Zornige Königin fragt: Warum hat niemand die Finanzkrise kommen sehen?“

      Diese Frage brachte insbesondere Volkswirte in arge Erklärungsnot, weil sie als die Experten gelten, in deren Zuständigkeitsbereich solche Themen fallen. Infolge der Krise wurde die Zunft daher unter anderem von Politikern, Sozialwissenschaftlern und Massenmedien kritisch hinterfragt und teilweise regelrecht angefeindet. Auch viele Wirtschaftswissenschaftler haben sich bemüht, schlüssige Antworten auf die Fragen der zornigen Königin zu finden, zumal schon recht einfache Diagnosen auf das Ausmaß des Problems schließen lassen.

      Ökonomen sind offenbar schlechte Prognostiker

      So gibt es inzwischen zahlreiche Studien, die sich mit der Frage der Qualität volkswirtschaftlicher Prognosen befassen. Die Ergebnisse sind für die Ökonomen meist wenig schmeichelhaft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) veröffentlichte im März 2018 beispielsweise eine Untersuchung mit dem Titel „Wie gut prognostizieren Wirtschaftswissenschaftler Rezessionen?“. Die Autoren haben die Prognosen für die Entwicklungen der jährlichen Bruttoinlandsprodukte aus 63 Ländern in den Jahren 1992 bis 2014 systematisch untersucht. In diesem Zeitraum kam es insgesamt zu 153 Rezessionen, von denen 86 in Industrieländern und 67 in Schwellenländern stattfanden. Die Wachstumsprognosen im Vorfeld dieser Ereignisse waren dabei durchweg (viel) zu optimistisch. Im April des Jahres vor der jeweiligen Rezession haben die durchschnittlichen Prognosen der Ökonomen lediglich in fünf der 153 Fälle überhaupt eine Rezession vorhergesagt. Dieser Prognosefehler nahm mit der Zeit ab: Im Oktober des Jahres vor der Rezession haben die Experten immerhin schon 118 der Rezessionen vorhergesagt, wobei sie deren tatsächliches Ausmaß immer noch deutlich unterschätzt haben. Bei Prognosen ökonomischer Boomphasen mit einem besonders hohen Wachstum des BIP lagen sie übrigens ähnlich weit daneben – allerdings waren die Vorhersagen in diesen Fällen grundsätzlich zu pessimistisch.

      Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Fähigkeit der Volkswirte zur Vorhersage wirtschaftlicher Wendepunkte begrenzt ist: „Die Prognosen in Rezessionsjahren werden zwar jeden Monat revidiert, sie erfassen den Beginn von Rezessionen aber nicht rechtzeitig und unterschätzen das Ausmaß des Produktionsrückgangs während einer Rezession deutlich.“ Dies gelte sowohl für Vorhersagen des privaten als auch des öffentlichen Sektors. Und dieses Muster bestätigt sich auch in der aktuellen Rezession, die vor ein paar Monaten noch kein Prognostiker auf der Agenda hatte. Beispielsweise ging der IWF noch im Januar 2020 davon aus, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 3,3 Prozent wachsen wird. Seit April erwarten die IWF-Ökonomen einen Einbruch der globalen Konjunktur um drei Prozent.

      Die Suche nach Gründen ist schwierig

      So eindeutig und unumstritten die Diagnose der IWF-Studie ist, so schwer fällt es offenbar, die Gründe hierfür zu identifizieren. Die Autoren der Studie haben das erst gar nicht versucht, sondern erwähnen lediglich drei Erklärungsansätze, die andere Wirtschaftswissenschaftler vorgeschlagen haben:

      1. Die Ökonomen verfügen nicht über genügend Informationen für verlässliche Prognosen von Rezessionen – sei es, weil ihre Modelle unzureichend sind oder weil die Krisen von irgendwelchen Schocks ausgelöst werden, die kaum vorhersehbar sind.
      2. Den Prognostikern fehlen Anreize, Rezessionen vorherzusagen: Es könnte beispielsweise sein, dass die Nachteile einer falsch prognostizierten Rezession für ihren Ruf und ihre Karriere schwerer wiegen als die Vorteile einer korrekten Voraussage.
      3. Verhaltenspsychologische Gründe könnten dazu führen oder beitragen, dass Ökonomen tendenziell an ihren ursprünglichen Meinungen festhalten und diese auch angesichts neuer Informationen nur langsam und unzureichend ändern.

      Doch die von der Queen aufgeworfene Frage ist auch deshalb schwierig zu beantworten, weil sie im Grunde genommen falsch gestellt ist: Tatsächlich hat es nämlich vor jeder größeren Wirtschaftkrise und Rezession auch bekannte und angesehene Ökonomen gegeben, die frühzeitig vor diesen Entwicklungen gewarnt haben. Ein hervorragendes Beispiel ist Alan Greenspan, der ehemalige Chairman der US-Notenbank Federal Reserve. In dieser Funktion hatte Greenspan Anfang Dezember 1996 angesichts sehr hoher Börsenkurse öffentlich vor einem „irrationalen Übermut“ (irrational exuberance) an den Aktienmärkten gewarnt, den die euphorische Einstellung gegenüber einer vermeintlich „neuen Ökonomie“ des Internetzeitalters ausgelöst haben könnte. Doch wer hört in Zeiten der Euphorie schon gerne auf solche Warnungen? An den Börsen löste der Fed-Chef damals lediglich eine kleinere, kurzfristige Korrektur aus. Danach stiegen die Kurse munter weiter, bis der Traum von der neuen Ökonomie im März 2000 jäh zu platzen begann. Greenspans Warnung hatte sich als Kassandraruf erwiesen.

      Nicht alle Ökonomen lagen falsch

      Just im März 2000 veröffentlichte der an der Yale-Universität lehrende US-Ökonom Robert Schiller ein Buch mit dem Titel „Irrational Exuberance“, in dem er spekulative Übertreibungen an den Finanzmärkten analysierte und zahlreiche Argumente dafür anführte, dass die Aktienmärkte damals überbewertet waren. Schiller gilt als einer der Pioniere der verhaltensorientierten Wirtschafts- und Finanzmarktforschung. Seiner Auffassung nach ist der bereits von Greenspan attestierte irrationale Übermut „die psychologische Grundlage spekulativer Blasen“. Schillers Popularität stieg weiter an, weil er auf Basis seiner Ideen und Modelle frühzeitig vor der 2007 geplatzten Immobilienblase in den USA gewarnt hatte. Für seine „empirische Analyse von Kapitalmarktpreisen“ erhielt er 2013 gemeinsam mit Eugene Fama und Lars Peter Hansen den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

      Man könnte hier weitere Beispiele bekannter und anerkannter Ökonomen anführen, die rechtzeitig vor bevorstehenden Krisen und Rezessionen gewarnt haben. Die Frage der Queen sollte daher nicht lauten, warum niemand die Probleme in den USA rechtzeitig bemerkt hat. Sie müsste lauten: Warum hat kaum jemand auf die Ökonomen gehört, die mit guten Argumenten vor diesen Problemen und ihren möglichen Folgen gewarnt haben? Spätestens an dieser Stelle wird die Geschichte so kompliziert und vielschichtig, dass sie sich nicht einmal mehr ansatzweise alleine mit wirtschaftswissenschaftlichen Mitteln und Methoden beantworten lässt.

      „Allgemeiner Wohlfühlfaktor“ und „Psychologie der Verleugnung“

      Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine interdisziplinäre Diskussionsrunde, welche die British Academy im Juni 2009 veranstaltet hatte, um der Queen adäquate Antworten auf ihre Frage zu geben. Die Organisatoren der Diskussion haben anschließend einen Brief mit den wichtigsten Ergebnissen an den Buckingham-Palast geschickt. „Viele Menschen haben die Krise vorhergesehen“, heißt es darin unter anderem. Allerdings habe niemand ihre genaue Form, den Zeitpunkt ihres Ausbruchs und ihr Ausmaß vorausgesagt. Obwohl es zahlreiche Warnsignale für Ungleichgewichte auf den Finanzmärkten und in der Weltwirtschaft gegeben habe, hätten die meisten Ökonomen und Risikomanager sich so stark auf ihre speziellen Aufgaben, Projekte und Produkte konzentriert, dass sie die Risiken für das gesamte Finanz- und Wirtschaftssystem nicht im Blick hatten.

      Doch sobald man seinen Blick interdisziplinär auf das große Ganze richtet, verlässt man zwangsläufig die Sphäre, in der Volkswirte in ihren universitären Elfenbeintürmen oder in den Hochhäusern großer Banken an ihren offenbar unzureichenden Modellen herumbasteln. So geht es in dem Brief an die Queen nicht nur um selbst ernannte „Finanzmagier“, die mit neuartigen Finanzinstrumenten Verlustrisiken aus der Welt schaffen wollten. Es geht auch um Politiker, die „von den Finanzmärkten betört“ waren, und eine „Generation von Bankiers und Finanziers“, die sich für „die Taktgeber fortschrittlicher Volkswirtschaften“ hielten. Es ist von einer beispiellosen Kombination aus Wunschdenken und Hybris die Rede und von einem „allgemeinen Wohlfühlfaktor“, der eine „Psychologie der Verleugnung“ zur Folge gehabt habe. Diese habe nicht nur Banker und Politiker erfasst, sondern auch Unternehmer und private Haushalte.

      Wenn man beginnen wird, die Gründe für die derzeitige Rezession genauer zu analysieren, könnten ganz ähnliche Faktoren eine Rolle spielen. Wahrscheinlich werden dann nicht finanzielle Risiken, Volkswirte und Finanzmärkte im Mittelpunkt stehen, sondern Mediziner, der Umgang mit gesundheitlichen Risiken und die Versprechungen der Gesundheits- und Pharmabranche. Rezessionen und Wirtschaftkrisen sind komplexe gesellschaftliche Prozesse, die sich allein mit ökonomischen Modellen nicht hinreichend erklären lassen.

      Warum können Investoren trotz allem gelassen bleiben?

      Als Investor können Sie sich solch komplizierte, oft allzu theoretische und mitunter philosophische Analysen zum Glück ersparen. Sie müssen die Ursachen von Rezessionen nicht kennen und brauchen sie auch nicht zu prognostizieren, solange sie nicht auf irgendwelche kurzfristigen Trends der Märkte spekulieren wollen. Wirtschaftliche Abschwungphasen gehören ebenso zum Leben eines Anlegers wie temporäre Kurseinbrüche an den Börsen. Sie sollten mit solchen Phasen rechnen und lernen, mit ihnen umzugehen (siehe hierzu „Mit Rezessionen leben lernen“). Ein solides, langfristig ausgerichtetes Anlageportfolio sollte zu Ihrer persönlichen Risikotoleranz passen und so zusammengestellt sein, dass Sie auch in schwierigen Marktphasen ruhig schlafen können.

      Als im Frühjahr 2019 in den USA öffentliche Diskussionen über eine bevorstehende Rezession geführt wurden, betonte der Multimilliardär und Value-Investor Warren Buffett in einem Interview, dass er und sein Partner Charly Munger in mehr als 50 Jahren ihrer gemeinsamen Tätigkeit niemals eine Anlageentscheidung auf Grundlage einer Wirtschaftsprognose getroffen haben. Sie hätten nie in ein Unternehmen investiert, weil sie dachten, dass die Wirtschaft sich in den nächsten ein oder zwei Jahren gut entwickeln würde. Und sie hätten auch nie auf ein Geschäft verzichtet, bloß weil in der Wirtschaft oder auf den Kapitalmärkten gerade Panik herrschte. Ökonomische Entwicklungen folgten keinen Naturgesetzen und hingen von so vielen unterschiedlichen Faktoren ab, dass sie sich schlichtweg nicht vorhersagen lassen. Deshalb böten Wirtschaftsprognosen bei Investitionen keine sinnvolle Orientierungshilfe. „Das ist Entertainment. Es ist, als ginge man in eine Varietéshow oder etwas Ähnliches“, scherzte Buffett. „Und die Wahrheit ist, dass man in der Wirtschaftswelt mit guten und schlechten Zeiten rechnen muss.“