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Börsenpsychologie

Warum wir uns mit Gewinnen an der Börse so schwertun

Von Birte Rothkopf

Stellen Sie sich vor, Sie gewinnen bei einem Spiel 300 Euro. Tolles Gefühl, nicht wahr? Und nun stellen Sie sich vor, Sie verlieren kurz darauf 300 Euro. An sich eine klare Situation: Ein positives Gefühl wird durch ein negatives Gefühl ausgeglichen – das sollte man zumindest meinen.

In Wahrheit speichern die meisten Menschen dieses Erlebnis nicht als rationale Plus-Minus-Null-Rechnung ab. Ganz im Gegenteil. Die verlorenen 300 Euro graben sich besonders tief ins Gedächtnis. Und, um das vorwegzunehmen: Genau dies erklärt auch, warum viele Menschen an der Börse so wenig Gewinne machen.

Als Wissenschaftlerin und Gründerin des digitalen Vermögensverwalters Whitebox habe ich mich lange mit der Psyche von Geldanlegern beschäftigt. Für mich ist es erschreckend zu sehen, welch dominante Rolle die menschliche Psyche in der Art und Weise spielt, wie die meisten Menschen ihr Geld anlegen. Mutter Natur kostet Anleger richtig viel Geld. Und das gilt nicht nur für Privatanleger, sondern auch für (ganz menschliche) Profis wie Fondsverwalter oder Finanzberater bei Banken .

Das Verlust-Dilemma

Aber was passiert da genau? Verhaltensökonomen haben in Experimenten nachgewiesen, dass Menschen Gewinne und Verluste im Gehirn an unterschiedlichen Orten ablegen. Statt sie gegeneinander aufzurechnen, werden die Erlebnisse getrennt voneinander abgespeichert. Die Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und Shlomo Benartzi haben das Muster als kurzsichtige Scheu vor Verlusten (myopic loss aversion) beschrieben.

Amos Tversky und der spätere Nobelpreisträger Daniel Kahneman haben bereits Ende der 1970er Jahre in Experimenten den Hintergrund erforscht: Menschen empfinden einen Schmerz bei Verlusten. Der Schmerz, wenn man etwas einbüßt, ist größer als das Glücksgefühl, wenn man etwas gewinnt. Denn das Gehirn bewertet Verluste stärker negativ als Gewinne positiv. Die Angst vor dem Minuszeichen kann so groß sein, dass wir nicht mehr rational kühl nachdenken. Unser Verstand setzt aus.

Die Angst, es wieder zu verlieren

Bei Börsenanlegern kommt hinzu, dass sie zwischen realisierten und unrealisierten Positionen unterscheiden. Einen realisierten Gewinn bewerten sie viel stärker als einen unrealisierten. Und dazu kommt die Angst, dass Buchgewinne wieder dahinschmelzen könnten. Daher fällt es ihnen häufig schwer, den Gewinn „laufen zu lassen“. Tief in uns sagt ein Gefühl: Verkaufe jetzt, solange du damit noch im Gewinn stehst.

Was das heißt? In unserer ganz menschlichen Veranlagung schlummert die Tendenz, Gewinne frühzeitig zu realisieren, sprich zu Geld zu machen. Wir steigen aus, bevor die Kurse weiter steigen können.

Somit entsteht eine Situation, die jeder, der sein Geld an der Börse anlegt, eigentlich verhindern will: Wenn wir die ersten Pluszeichen auf dem Depotauszug sehen, verkaufen wir überhastet.

Heute möglich: die Natur überlisten

Der rationale Anleger unterscheidet dagegen nicht, ob er sich mit einer Aktie im Gewinn- oder Verlustbereich befindet. Seine Kauf- oder Verkaufsentscheidung fußt darauf, ob der faire Wert einer Anlage über oder unter ihrem aktuellen Marktpreis liegt. Leider gelingt es den wenigsten Menschen (und damit auch jedem Portfoliomanager), immer strikt rational auf ihre Investments zu blicken.

Welche Konsequenzen sollte man daraus ziehen? Ich glaube, man muss die Natur des Menschen (zumindest ein Stück weit) überlisten. Deshalb habe ich einen Online-Vermögensverwalter gegründet, bei dem die Anlageentscheidungen strikt auf der Grundlage von Fundamental- und Marktanalysen getroffen werden. Bei der Geldanlage gilt für mich: Daten statt Emotionen.

Zur Person:

Dr. Birte Rothkopf hat in der Fachdisziplin „Behavioral Finance“ promoviert, die sich mit der Psyche des Menschen in Finanzfragen befasst. Sie ist Gründerin des digitalen Vermögensverwalters Whitebox (www.whitebox.eu). Zuvor arbeitete Rothkopf als Beraterin für internationale Banken und Finanzdienstleister sowie als Geschäftsführerin einer Schweizer Unternehmensberatung für Groß- und Privatbanken.

© WHITEBOX, 24.02.2017

Foto: Maklay62