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Geldanlage

Wie sich Banken mit ihrem Ruf nach mehr Finanzbildung selbst das Wasser abgraben

Von Salome Preiswerk

Banken und Fondsgesellschaften fordern mehr Finanzwissen – angeblich zum Wohle der Deutschen. In Wahrheit geht es ihnen aber wie immer um den Verkauf provisionsträchtiger Produkte. Doch dieses Kalkül dürfte kaum aufgehen.

Der Ruf nach mehr Finanzbildung wird immer lauter. In Medienkolumnen und Blogs fordern nicht Verbraucherschützer, sondern Vertreter von Banken und Fondsgesellschaften die Regierung auf, das Finanzwissen in der Bevölkerung zu fördern, am besten mit einem entsprechenden Schulfach. In den vergangenen Wochen verfassten beispielsweise der Vorstandsvorsitzende der Onlinebank Comdirect und der Chef der Fondsgesellschaft Union Investment entsprechende Beiträge. Auch ein leitender Mitarbeiter des Fondsanbieters Allianz Global Investors meldete sich zu Wort. Der Bankenverband  untermauerte die Forderung nach mehr Finanzwissen mit einer Umfrage, die belegen soll, dass jüngere Menschen keine Ahnung von Geldanlage und Börse haben, sie aber gerne hätten.

Nun stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Finanzindustrie für mehr Wissen in Sachen Geld trommelt. Folgt man den Ausführungen der Propagandisten geht es ihnen natürlich nur um das Gemeinwohl, um die Gesellschaft als Ganzes und den deutschen Verbraucher im Einzelnen. Denn der mache beim Sparen vieles falsch. Das führe zu wachsender Ungleichheit bei den verfügbaren Vermögen und zu steigender Altersarmut, was wiederum für Misstrauen und Neid sorge und so die Gesellschaft destabilisiere.

Das gewünschte schulische Lernziel lautet: Kauft Aktienfonds!

Dagegen helfe nur „ein besseres Kapitalmarktverständnis in der Breite“, schreibt etwa Neil Dwane von Allianz Global Investors. Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, meint: „Die Freude am Sparen steigt zudem mit dem Besitz von chancenreichen Anlageformen.“ Comdirect-Chef Arno Walter wird noch deutlicher: Nur knapp jeder Dreizehnte in Deutschland investiere in Aktien, so der Banker. „Das ist angesichts des anhaltenden Niedrigzinsumfeldes eine viel zu geringe Quote.“

Ginge es nach der Finanzindustrie, ließe sich das schulische Lernziel auf die einfache Formel verdichten: Kauft Aktien und Aktienfonds! Denn nur diese riskanteren Wertpapiere bieten noch eine nennenswerte Rendite, mit der sich Vermögen für die Zukunft bilden lässt. Zwar ist diese These grundsätzlich nicht falsch. Doch in diesem Zusammenhang hat sie einen faulen Beigeschmack. Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass es Banken und Fondsgesellschaften wie immer nur darum geht, was seit jeher im Mittelpunkt ihres Geschäfts stand: Aus den Kunden so viel Profit heraus zu melken, wie möglich.

Es ist sicher kein Zufall, dass die Finanzbildungsinitiative gerade dann Fahrt aufnimmt, wenn die Profite und Margen der Banken dahinschmelzen und der anhaltende Abfluss von Kapital aus aktiv gemanagten Aktienfonds den Vorständen der Fondsgesellschaften Angstschweiß auf die Stirn treibt. Gleichzeitig horten die Deutschen laut Bundesbank rund 1500 Milliarden Euro auf unverzinsten Bankkonten. Hinzu kommen mehr als 800 Milliarden Euro, die niedrig verzinst, etwa als Festgeld, angelegt sind. Das sind insgesamt rund 2,3 Billionen Euro, an denen die Finanzindustrie so gut wie nichts verdient.

Es geht um Milliardenprofite aus Provisionen

Ein so gewaltiges, brachliegendes Potential weckt selbstverständlich Begehrlichkeiten. Wenn die Deutschen von ihren gigantischen Cashbeständen eine Billion Euro in aktiv gemanagte Aktienfonds umschichten würden, wären zunächst einmalige Vermittlungsprovisionen, die sogenannten Ausgabeaufschläge, in Höhe von etwa 50 Milliarden Euro fällig.

Das sind aber nur Peanuts im Vergleich zu den laufenden Verwaltungskosten, die für einen international anlegenden Aktienfonds im Schnitt 2 Prozent pro Jahr betragen. Auf die verbleibenden 950 Milliarden Euro, die tatsächlich investiert würden, fielen also jedes Jahr 19 Milliarden Euro Verwaltungskosten an. Einen beträchtlichen Teil davon erhält die Bank jährlich als Bestandsprovision, solange der Kunde den Aktienfonds im Depot behält. Ideal aus der Sicht der Geldinstitute sind natürlich Kunden, die ihre Fonds öfters wechseln. Dann kann die Bank mehrfach den Ausgabeaufschlag zusätzlich zur jährlichen Bestandsprovision kassieren.

Doch die Produktvermittler beißen sich an den ängstlichen Deutschen seit Jahren die Zähne aus. Sie investieren jedes Jahr viele Millionen Euro in Werbung, um ihren widerspenstigen Kunden provisionsträchtige Fonds schmackhaft zu machen. Aber die umworbenen Sparer greifen nicht in dem Maße zu, wie erhofft.

Banken haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht

Nun soll offenbar eine Finanzbildungsoffensive frischen Schwung in den schleppenden Wertpapierabsatz bringen, am besten staatlich sanktioniert. Wer sich eingehend mit den Finanzmärkten und dem Thema Geldanlage beschäftigt, wird irgendwann einsehen, dass renditestarke Aktien auf lange Sicht gar nicht so riskant sind und dann entsprechende Fonds kaufen, so das Kalkül.

Doch Banken und Fondsgesellschaften haben offensichtlich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wer sich Finanzbildung aneignet, wird erkennen, dass die Beratungsdienste der Banken und die teuren Manager aktiver Fonds meist ihr Geld nicht wert sind. Dass preiswerte Indexfonds und ihre börsengehandelten Pendants, die kurz ETF genannt werden, die weitaus vielversprechenderen Anlageprodukte sind. Und dass in den aufwändigen Kundenzeitschriften, Newslettern und Webinaren der Finanzindustrie nicht das Wissen vermittelt wird, was Anlegern tatsächlich helfen würde.

Je länger sich Verbraucher mit dem Thema Geldanlage beschäftigen, desto besser werden sie zwischen Schaumschlägern und soliden Anbietern unterscheiden können, zwischen erfolgversprechenden und weniger aussichtsreichen Anlagestrategien und zwischen fundierten Analysen und den sinnlosen Kommentaren falscher Marktpropheten. Ihnen wird bewusst werden, welche Vermögensverwalter einfach nur die Hand auf halten und welche eine angemessene Leistung für ihre Honorare bieten.

Zunehmendes Finanzwissen würde also dazu führen, dass immer mehr teure, intransparente Anbieter mit mäßigen Leistungen aus dem Markt ausscheiden, weil ihnen die Anleger ihre Gunst entziehen. Insofern gräbt sich die tradierte Finanzindustrie mit ihrem scheinheiligen Ruf nach Finanzbildung selbst das Wasser ab. Meine volle Unterstützung hat sie dabei.

© WHITEBOX, 08.08.2018

Foto: Dmitry Ratushny / Unsplash