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Keynes „General Theory“: Konjunkturpakete gegen die Abwärtsspirale | Whitebox
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Keynes „General Theory“: Konjunkturpakete gegen die Abwärtsspirale

Geschrieben von Nadine Friederichs
3. August 2020

    Die „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ aus dem Jahr 1936 ist das Hauptwerk des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Der stellte damit die bis dahin vorherrschende klassische ökonomische Theorie in Frage. Keynes Ideen beeinflussen Politiker noch heute – vor allem seine Ideen zu staatlichen Konjunkturprogrammen.

    „In the long run we are all dead“ – dieser Spruch von John Maynard Keynes ist zum geflügelten Wort geworden. Der Ökonom hatte damit auf Einwände seiner Kritiker reagiert, die Keyneschen Theorien bezögen sich nur auf die kurze Sicht. Der britische Ökonom selbst ist schon seit 1946 tot, doch seine Ideen sind quicklebendig. Mit seinem Hauptwerk läutete er die Keynesianische Revolution in den Wirtschaftswissenschaften ein. Auch heute noch ist das Werk hochaktuell. Oder wieder, müsste man wohl sagen, denn zwischenzeitlich waren Keynes Theorien etwas aus der Mode gekommen.

    Unterbeschäftigung? Nach der klassischen Theorie unmöglich

    Was war so revolutionär an der „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, im Original „The General Theory of Employment, Interest and Money“ – kurz „General Theory“? Keynes stellte sich in dem Buch radikal gegen die klassische ökonomische Theorie und deren Protagonisten wie David Ricardo, John Stuart Mill oder Adam Smith. So glaubte er nicht an die von Smith formulierte „unsichtbare Hand“, also die Selbststeuerung der Wirtschaft über Angebot und Nachfrage, und das Saysche Theorem, nachdem sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft.

    Keynes bezweifelte vor allem die Theorie, dass sich auf einem freien Markt mit flexiblen Preisen und Löhnen Arbeitsangebot und -nachfrage angleichen und es zur Vollbeschäftigung kommt. Er konstatierte vielmehr, dass es auch langfristig bei einer Unterbeschäftigung bleiben kann. In diese Theorien flossen sicherlich auch die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre mit der dramatischen Massenarbeitslosigkeit ein.

    Keynes: Sinkende Löhne, sinkende Nachfrage

    Nach der klassischen Theorie müssten bei Unterbeschäftigung die Löhne sinken, und schon wäre – da mehr Leute eingestellt würden – das Gleichgewicht wieder erreicht. Laut Keynes nutzt es aber nichts, wenn die Löhne fallen. Es vergrößere die Misere sogar noch, da mit sinkenden Löhnen die Nachfrage schrumpfe und Unternehmer ihre Produkte erst recht nicht verkaufen könnten.

    Für Keynes ist also die Nachfrage entscheidender Bestimmungsfaktor für die Wirtschaft, nicht das Angebot. Seine Anhänger werden daher auch als Nachfragetheoretiker bezeichnet – im Gegensatz zu den Angebotstheoretikern.

    Keynes Forderung: Bei einer Unterbeschäftigung sollen Regierung und Notenbank eingreifen, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln. Dadurch könne sogar ein über dem Betrag der zusätzlichen Staatsausgaben liegender Effekt erzielt werden, in dem weitere Nachfrage angeregt werde (Multiplikatoreffekt).

    „We are all Keynesians now“

    Keynes forderte also eine aktive staatliche Konjunkturpolitik. Das kam gut an: Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Keynesianismus zur herrschenden Lehre in den westlichen Industrieländern. „We are all Keynesians now“, soll Richard Nixon 1971 gesagt haben. In Deutschland war es der SPD-Politiker Karl Schiller, der 1967 als Bundeswirtschaftsminister der Großen Koalition die erste ernsthafte Rezession im Nachkriegsdeutschland durch zwei schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme zu bekämpfen suchte.

    Nach anfänglichen Erfolgen wurde ab den 1970er Jahren allerdings die Kritik lauter. Das Konzept eines staatlichen Konjunkturanschubs führe zu hohen Staatsschulden, die auch in guten Zeiten nicht getilgt würden, zu Inflation und letztlich zu steigender Arbeitslosigkeit, hieß es. Staatliche Konjunkturprogramme wirkten verzögert und entfalteten erst dann Effekte, wenn sich die Wirtschaft ohnehin erholt habe, wurde argumentiert. Zudem könnten staatliche Investitionen private verdrängen (Crowding-out). In der Tat stiegen Arbeitslosenzahlen und Inflation in den 1970er Jahren deutlich.

    Einer der Hauptkritiker war der liberale Ökonomen Milton Friedman (1912-2006), der kurzfristige Eingriffe des Staates zur Steuerung der Wirtschaft für Gift hielt. Er und seine Anhänger („Monetaristen“) sind davon überzeugt, dass die Geldmenge der wichtigste Faktor zur Steuerung der Wirtschaft ist. Die Grundlage für eine stabile Entwicklung der Wirtschaft sei die Selbstregulierung des Marktes über Angebot und Nachfrage. Friedman prägte die Politik der 1980er und 1990er Jahre mit Politikern wie Ronald Reagan und Margret Thatcher.

    Keynesianismus: alles andere als tot

    Heute weiß man: Der Staat kann durchaus mithilfe von Konjunkturprogrammen zur Bewältigung einer Krise beitragen. Spätestens seit der Finanzkrise 2008/2009 ist der Keynesianismus rehabilitiert. Denn damals haben die massiven staatlichen Konjunkturpakete in Ländern wie den USA oder auch Deutschland das Abgleiten in eine noch schlimmere Rezession verhindert. In wieweit und wo genau der Staat eingreifen soll und wo er mit seinen Eingriffen vielleicht auch mehr schadet als Gutes tut, ist aber nach wie vor großer Streitpunkt.

    Keynes war übrigens kein klassischer Ökonom, er hatte in Cambridge Mathematik, Philosophie, Geschichte und Ökonomie studiert. Und er war sein Leben lang großer Kunst- und Literaturliebhaber und Teil des berühmten literarischen Zirkels Bloomsbury Group um die britische Schriftstellerin Virginia Woolf. Was das Lesevergnügen angeht, steht die „General Theory“ Karl Marx „Das Kapital“ oder James Joyces „Ulysses“ allerdings in nichts nach: Kategorie „schwer verdaulich“ also. „Dieses Buch richtet sich in erster Linie an meine Fachgenossen“, schrieb Keynes schon im Vorwort. Selbst Fachgenossen von heute tun sich schwer mit der Lektüre, denn anstelle von Schaubildern, Grafiken und Formeln, die die heutigen Ökonomiebücher füllen, findet sich Bandwurmsatz an Bandwurmsatz.