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Sind Nachranganleihen eine passende Antwort auf das niedrige Zinsniveau? | Whitebox
Anleihen | Investieren | 4 min

Sind Nachranganleihen eine gute Antwort auf das niedrige Zinsniveau?

Geschrieben von Whitebox-Redaktion
17. Juni 2020
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Inhaltsverzeichnis

      Anleger finden sich seit geraumer Zeit in einem zunehmend schwierigeren Umfeld wieder: Aktien gelten insbesondere für unerfahrene und kurzfristig orientierte Investoren als zu riskant. Klassische Renten wie zum Beispiel deutsche Staatsanleihen erzielen kaum noch Ertrag. Für private Anleger bieten sich Nachranganleihen in einem breiten Portfolio von Unternehmensanleihen als Beimischung an.

      Die wichtigsten Inhalte dieses Artikels:

      • Nachranganleihen sind Finanzprodukte für risikobewusste und erfahrene Anleger.
      • Durch das Niedrigzinsumfeld ergeben sich für den Unternehmensanleihesektor, auch im Vergleich zu Senioranleihen, interessante Renditelevel.
      • Zinszahlungen können bei finanziellen Problemen ausgesetzt werden.
      • Nachranganleihen haben eine geringere Korrelation zu den Zinsmärkten.

      Was sind Nachranganleihen?

      Nachranganleihen sind festverzinsliche Wertpapiere, bei denen die Forderung des Inhabers im Insolvenzfall nachrangig bedient wird. Das heißt: Der Inhaber erhält sein Geld erst nach allen anderen Gläubigern zurück. Nur die Aktionäre kommen noch nach ihm. Nachrangige Anleihen zahlen deshalb als Kompensation für das Risiko im Insolvenzfall beziehungsweise bei Abwicklung einen relativ hohen Kupon. Je nach Ausgestaltung der einzelnen Anleihe finden die Zinszahlungen nur bei Gewinn statt. Darüber hinaus weisen die Anleihen eine lange bis unendliche Laufzeit auf. In vielen Fällen hat der Emittent allerdings ein vorzeitiges Kündigungsrecht.

      Aufgrund ihrer Ausgestaltung sind Nachranganleihen Finanzprodukte eher für risikobewusste und erfahrene Anleger geeignet. Denn die Chance, höhere Gewinne einzufahren, ist auch mit einem erhöhten Risiko verbunden: Durch die Nachrangigkeit der Anleihen ist das Risiko, im Falle einer Insolvenz einen Totalverlust zu erleiden, deutlich höher als bei klassischen Anleihen.

      Welche Vorteile bieten Nachranganleihen?

      Nachranganleihen bieten verschiedene Vorzüge. So ist ihre Performance viel beständiger als die von Bankaktien. Als Kompensation für das im Vergleich zu klassischen Renten höhere Ausfallrisiko von Nachranganleihen erhalten Investoren attraktive Renditen und eine geringere Zinssensitivität. Der Großteil der Emittenten von Nachranganleihen weist ein Investment-Grade-Rating auf. Auch aus Diversifikationsgründen können Investitionen in Nachranganleihen von Vorteil sein. Da diese Asset-Klasse wenig mit Emerging Markets Debt oder europäischen Investment Grade-Anleihen korreliert, können Nachranganleihen für Investoren, die sich in der Fixed-Income-Welt bewegen, eine gute Alternative sein, denn:

      • Das Risiko ist deutlich geringer als bei Aktien, allerdings höher als bei klassischen Renten.
      • Das Ausfallrisiko wird durch attraktive Renditen und eine geringere Zinssensitivität kompensiert.
      • Investments in Nachranganleihen sind laut einer Studie von Lazard Asset Management auch unter Diversifikationsaspekten interessant.

      Welche Nachteile haben Nachranganleihen?

      • Den häufig verlockenden Renditen von Nachranganleihen stehen auch Nachteile gegenüber: Nachrangigkeit: Im Falle einer Insolvenz des Emittenten ist die Ausfallwahrscheinlichkeit nachrangiger Anleihen deutlich höher als bei klassischen Anleihen.
      • Einseitiges Kündigungsrecht: Nur der Emittent kann nachrangige Anleihen kündigen, nicht aber der Anleger.
      • Variable Zinssätze: In der Regel gelten bei Nachranganleihen zu Beginn der Laufzeit feste Zinsen. Nach einer festgelegten Zeit behalten sich Emittenten oft das Recht vor, den Zinssatz zu senken.
      • Aufschiebbare Kuponzahlungen: Auch die Kuponzahlungen können die Emittenten an Bedingungen wie zum Beispiel die Liquidität knüpfen – und tun das häufig auch.

      Wie haben sich Nachranganleihen entwickelt?

      Entstanden ist dieses Teilsegment des Nachrangmarktes bereits vor der Finanzkrise. Ein deutlicher Anstieg der Marktkapitalisierung ist jedoch erst seit 2013 zu beobachten. Durch eine hohe Aktivität am Primärmarkt hat sich das Nominalvolumen im Bereich nachrangiger Industrieanleihen deutlich ausgeweitet. Der Markt für nachrangige Industriepapiere setzt sich fast ausschließlich aus sogenannten Hybridpapieren zusammen. Wenn das Unternehmen Unternehmenskennziffern verfehlt oder eine Dividende einstellt, kann es dabei Zinszahlungen aussetzen. Allerdings kann es diese Zinszahlungen je nach Ausgestaltung der Anleihebedingungen nachholen. Die Kapitalbedienung ist naturgemäß gegenüber den übrigen Gläubigern nachrangig.

      Zu Beginn der 2000er-Jahre haben vorwiegend Banken und Versicherungen nachrangige Anleihen ausgegeben. Denn sie konnten das dadurch gewonnene Hybridkapital als Eigenkapital geltend machen. Im Zuge der Lehman-Pleite im Jahr 2008 entstanden jedoch Leitlinien zur Regulierung von Banken (Basel III). Diese sollen dafür sorgen, weitere Pleiten zu vermeiden und Banken, insbesondere deren Einlagen, besser vor Krisen abzusichern. Seitdem müssen Banken mehr hartes Kernkapital vorweisen, wenn sie nachrangige Anleihen herausgeben wollen.

      Welches Marktvolumen decken Nachranganleihen heute ab?

      Nach Erhebungen von Lazard ist der europäische Fixed-Income-Markt ungefähr 18.200 Milliarden Euro groß. Davon entfallen etwa 792 Mrd. Euro auf Nachrang- bzw. Hybridanleihen (Stand: Juli 2019). Finanzunternehmen würden den Großteil der Emittenten darstellen; das Volumen dieser Emissionen habe 682 Mrd. Euro betragen. Im Vergleich dazu wiesen europäische High Yield-Anleihen gerade einmal ein Volumen von ca. 387 Mrd. Euro auf, Staatsanleihen der Schwellenländer würden auf 477 Mrd. Euro kommen.

      Welche Rolle können nachrangige Fonds in Niedrigzinsphasen spielen?

      Für private Anleger besteht inzwischen die Möglichkeit, in Fonds mit nachrangigen Unternehmensanleihen zu investieren. Dabei sollte der Fokus auf Schuldnern mit guter bis mittlerer Bonität liegen, da diese die Chance auf höhere Rendite ermöglichen als bei Portfolios, die ausschließlich aus erstrangigen Anleihen derselben Schuldner bestehen. Der Investitionsgrad in Nachranganleihen wird in Krisenphasen generell aktiv gesteuert, um Verluste zu vermeiden und die Volatilität zu begrenzen. Diese Strategie richtet sich vor allem an erfahrene Anleger, die längerfristig höhere Zinserträge und Kursgewinne erwirtschaften wollen.

      Worauf sollten Anleger bei Nachranganleihen achten?

      Falls Sie jetzt überlegen, in nachrangige Anleihen zu investieren, sollten Sie folgenden Punkten besondere Aufmerksamkeit schenken:

      • Beachten Sie unbedingt die Bonität des Emittenten. Um diese einschätzen zu können, sollten Sie sich über die entsprechenden Ratings informieren.
      • Durch eine ausreichende Risikostreuung lässt sich ein Totalverlust im Falle einer Insolvenz des Emittenten besser verschmerzen. Eventuell macht es Sinn, in einen Fonds zu investieren, der sich auf nachrangige Anleihen spezialisiert hat.
      • Wenn Sie in eine einzelne Nachranganleihe investieren wollen, sollten Sie sich intensiv mit dem entsprechenden Verkaufsprospekt auseinandersetzen.
      • Ferner sollten Sie sich informieren, ob die von Ihnen favorisierte Nachranganleihe an variable Zinssätze geknüpft ist oder ob es nur unter bestimmten Bedingungen zu Kuponauszahlungen kommt.

      Sind Nachranganleihen eine Option für Privatanleger?

      Zusammenfassend kann man sagen, dass Nachranganleihen im derzeitigen Marktumfeld eine Alternative sein und einen Ausweg aus dem Niedrigzinsumfeld bieten können. Obwohl zumindest für das laufende und kommende Jahr keine Zinserhöhungen seitens der EZB zu erwarten sind, sind private Anleger auch im Falle möglicher Zinserhöhungen durch die geringe Zinssensitivität dieser Anleiheform gut aufgestellt.

      Da der Anleihenmarkt jedoch für die meisten Privatinvestoren extrem komplex ist, sollten Nachranganleihen in einem breit diversifizierten Portfolio nur ein Bestandteil sein. Wichtig ist vor allem: Private Anleger sollten nur in solche Anlegeformen investieren, wenn Sie über entsprechendes Know-how verfügen und in der Lage sind, den umfassenden Markt und die genaue Ausgestaltung einzelner Nachranganleihen oder Fonds zu beurteilen.