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Sparquoten müssen nicht glücklich machen | Whitebox

Warum Sparquoten nicht jeden Sparer glücklich machen können

Geschrieben von Nadine Friederichs
23. November 2019
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Inhaltsverzeichnis

      Einige Finanzblogs propagieren hohe Sparquoten als Königsweg, um Wohlstand und „finanzielle Freiheit“ zu erreichen. Doch dieses vermeintlich einfache Rezept hilft vielen Sparern beim langfristigen Vermögensaufbau nicht weiter.

      In Zeiten, in denen alles gemessen wird, begegnen uns ständig und überall Quoten – seien es Einschaltquoten, Exportquoten, Wettquoten oder Beschäftigungs- und Arbeitslosenquoten. Quotenregelungen sorgen in der Politik bisweilen für Diskussionen und Streit, obwohl sie durch die Vorgaben bestimmter Schlüssel für die Verteilung von Ämtern, Rechten oder Gütern eigentlich Konflikte beenden oder vermeiden sollen. Quoten sind meist in Prozent angegebene Anteile an einer Gesamtmenge oder Gesamtzahl. Statistiker, Wissenschaftler und Politiker mögen sie, weil man mit ihnen problemlos rechnen und herumspielen kann. Sie lassen sich viel einfacher kontrollieren und manipulieren als die oft komplexen Fakten und Zustände, zu deren Beschreibung sie dienen und bei deren Gestaltung sie helfen sollen.

      Wahrscheinlich ist es diesem Quoten-Hype und dem Wunsch nach wissenschaftlich anmutender Autorität zu verdanken, dass die Sparquote seit einigen Jahren unter Privatanlegern an Bedeutung zu gewinnen scheint. Zahlreiche Finanzblogger feiern hohe Sparquoten als Königsweg zu finanzieller Unabhängigkeit und Reichtum. „Finanziell frei: Es kommt hauptsächlich auf die Sparquote an. Das Gehalt spielt eine Nebenrolle“, lautet beispielsweise eine etwas ungelenke Überschrift in einem solchen Blog. „Bei einer Sparquote von 50 Prozent bist Du zum Beispiel nach 16 Jahren finanziell frei“, lautet die Verheißung in einem anderen. Doch so einfach und problemlos, wie es manche Blogger bisweilen darstellen, lässt sich „finanzielle Freiheit“ nicht erreichen.

      Was sind Sparquoten?

      Wirtschaftswissenschaftler nutzen Sparquoten bereits seit langem als Instrument ihres intellektuellen Werkzeugkastens. Unter der durchschnittlichen Sparquote verstehen sie den Anteil der Ersparnisse privater Haushalte an deren Nettoeinkommen. Ersparnisse sind das, was nach Abzug aller Ausgaben vom Nettoeinkommen übrig bleibt. Dabei wird die Nettokreditaufnahme vom Sparbetrag abgezogen: Ist sie höher als dieser, wird die Sparquote negativ. Zudem errechnen Ökonomen gesamtwirtschaftliche Sparquoten, die als Verhältnis der Sparbeträge einer gesamten Volkswirtschaft – also der Haushalte, der Unternehmen und des Staates – zu deren Bruttoinlandsprodukt definiert sind.

      Trotz dieser vermeintlich klaren Begriffe unterscheiden sich die ermittelten Sparquoten mitunter deutlich voneinander, weil Ökonomen Einkommen und Ausgaben teilweise unterschiedlich definieren. So betrug die durchschnittliche Sparquote privater Haushalte in Deutschland 2018 nach Angaben der Deutschen Bundesbank elf Prozent. Damit erreichte sie ihren höchsten Wert seit 1995. Die Statistikbehörde Eurostat errechnete für diese Sparquote dagegen stattliche 18,5 Prozent, weil sie im Gegensatz zur Bundesbank die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung zu den Ersparnissen hinzurechnet. Bevor Sie Sparquoten miteinander vergleichen, sollten Sie sich also vergewissern, dass diese nach der gleichen Methode berechnet sind.

      Wie und wozu nutzen Wissenschaftler Sparquoten?

      Volkswirte und Sozialwissenschaftler interessieren sich weniger für jährliche Mittelwerte, sondern nutzen die Sparquote als Indikator, um den Zustand und die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu beschreiben. Ihre Ergebnisse sind nicht immer überraschend: So hängen Konsum und Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland stark vom Erwerbsstatus, Einkommen und Alter ab. Dabei ist die Sparquote tendenziell umso größer, je höher die Einkommen sind. Und: Je größer das Nettovermögen der Haushalte, desto höher ist tendenziell auch ihre Sparquote. Das Nettovermögen ist die Differenz zwischen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten. Tendenziell sparen Haushalte am meisten, deren Vorstände bald in den Ruhestand wechseln.

      Genauere Analysen der Sparquoten deuten zudem auf eine Entwicklung hin, die angesichts der auch in Europa zunehmenden sozialen Spannungen immer stärker ins Blickfeld gerät: Die Kluft zwischen Reichen und Armen wird größer. Tatsächlich gelingt es auch in Deutschland längst nicht allen Haushalten, Geld zu sparen. Haushalte mit geringen Einkommen weisen im Durchschnitt sogar eine negative Sparquote auf – das heißt, sie verschulden sich. Eine im September 2016 veröffentlichte Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass die Sparquoten in Deutschland sehr unterschiedlich ausfallen: Während die Haushalte aus der unteren Hälfte der Einkommensverteilung in ihrer Summe gar keine Rücklagen bilden, entfallen auf das Zehntel mit den höchsten Einkommen knapp 60 Prozent aller Ersparnisse eines Jahres. Wenn Blogger also behaupten, das Gehalt spiele auf dem Weg in die „finanzielle Freiheit“ eine Nebenrolle, blenden sie solche Tatsachen offenbar einfach aus. Denn je höher die Einkommen und die Vermögen sind, desto größer ist in der Regel auch die Sparquote.

      Wie und wozu können Sparer die Sparquote nutzen?

      Nun sind Sparer und Anleger meist keine Wissenschaftler und oft auch weniger an wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert als an der Planung und Gestaltung ihres eigenen Lebens. Hierbei werden Gedanken über eher abstrakte Rechengrößen wie Sparquoten den meisten Menschen nicht weiterhelfen. Grundsätzlich ist Sparen für viele Haushalte ein wichtiger Faktor, der mit zunehmender Aushöhlung der sozialen Sicherungssysteme an Bedeutung gewinnen wird. Dies an einer Quote festmachen zu wollen oder solche Quoten als Königsweg zu finanzieller Sicherheit und Unabhängigkeit, Wohlstand oder gar Reichtum darzustellen, geht jedoch an der Realität der meisten Menschen vorbei. Wer eine Sparquote von 50 oder 75 Prozent erzielen möchte, muss erst einmal so viel verdienen, dass er seinen Lebensunterhalt mit 50 oder 25 Prozent seines Nettoeinkommens bestreiten kann, ohne dabei an der Geilheit des Geizes zu Grunde zu gehen. Sollten Sie zu den Menschen gehören, die das können, gehören Sie in Deutschland zu einer Minderheit.

      Bei einem unnötigen Hype um hohe Sparquoten verliert man zudem leicht einen anderen wichtigen Faktor aus den Augen: Für den langfristig erfolgreichen Vermögensaufbau ist es nicht nur wichtig, dass Sie (möglichst viel) sparen, sondern vor allem auch, was Sie mit Ihren Ersparnissen anfangen. Und gerade hier liegt in Deutschland viel im Argen: „Fraglich ist, ob die Haushalte ihre mitunter hohen Ersparnisse gewinnbringend anlegen – insbesondere vor dem Hintergrund des aktuell niedrigen Zinsniveaus“, heißt es beispielsweise in einer im Frühjahr 2018 veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) über Konsum und Sparquote deutscher Privathaushalte. Es gebe deutliche Hinweise darauf, dass das nicht der Fall ist. Beispielsweise fließe noch immer vergleichsweise viel Geld in klassische, wenig ertragreiche Anlageformen wie Sparbücher oder Festgeldkonten.

      Das soll nicht heißen, dass die Sparquote für individuelle Sparer und Anleger vollkommen nutzlos sein muss. Die Kalkulation Ihrer persönlichen Sparquote kann Ihnen beispielsweise dabei helfen, einen genauen Überblick über Ihre finanzielle Situation zu erhalten. Ein Finanzblogger bezeichnet sie als „ein extrem wertvolles Instrument, um meine Spardisziplin und meinen Konsum zu überwachen“. Sie sei ein Maß, an dem er sich „im Wettkampf mit sich selbst“ messen könne und verhelfe ihm dadurch zu „Disziplin und Konsistenz“. Wenn Ihnen also trotz aller Einsicht in die Notwendigkeit vor allem die intrinsische Motivation oder die notwendige Disziplin zum kontinuierlichen und konsequenten Sparen fehlen sollten, müssen Sie sich heutzutage nicht mehr selbst geißeln und kasteien. Stattdessen können Sie versuchen, Ihren Ehrgeiz über spielerische Elemente anzustacheln. Hierzu kann das Ziel einer hohen Sparquote durchaus ein geeignetes Mittel sein.

      Fazit

      Sollte Ihnen Ihre finanzielle Zukunft (noch) nicht sicher erscheinen, könnten Ihnen die folgenden beiden Vorschläge vielleicht weiterhelfen:

      1. Sparen Sie, so viel Sie können, und investieren Sie Ihr Geld möglichst so, dass Inflation oder Katastrophen Ihre Ersparnisse nicht schmälern oder gar vernichten können.
      2. Vergessen Sie vermeintlich einfache Rezepte oder Ratschläge, die einen sicheren Weg zu Wohlstand oder Reichtum versprechen. Auch eine hohe Sparquote bietet hierfür keinerlei Garantie.

      Der Erfolg eines langfristigen Vermögensaufbaus hängt von zahlreichen Faktoren ab, unter denen die Sparquote nicht der wichtigste ist. Und falls Ihnen das alles zu kompliziert erscheint, zögern Sie nicht, sich kompetenten Rat einzuholen – unser Team bei Whitebox steht Ihnen hierfür gerne zur Verfügung.