Kaum ein Muster an den Kapitalmärkten wird jedes Jahr so zuverlässig hervorgeholt wie der September-Effekt. Sobald die Sommerpause endet, erscheinen die Rückblicke auf Jahrzehnte von Monatsrenditen, und ihr Fazit klingt eindeutig: Der September sei der schwächste Börsenmonat des Jahres.
Belegen lässt sich daran tatsächlich etwas. Beim S&P 500 liegt die durchschnittliche Septemberrendite seit 1986 bei rund minus 0,7 Prozent und damit niedriger als in jedem anderen Monat. Beim DAX schloss der September seit 1965 in 59 Prozent der Jahre negativ, häufiger als jeder andere Monat, und in ihn fällt mit minus 25 Prozent im September 2002 der größte Monatsverlust der Indexgeschichte.
Wer solche Zahlen liest, kommt schnell auf eine naheliegende Idee: im August verkaufen, im Oktober zurückkaufen. Die Rechnung wirkt einfach, und sie hat den Reiz, aus einem unangenehmen Gefühl eine konkrete Handlung zu machen.
In der Praxis geht sie fast nie auf. Der Grund liegt weniger in den Märkten als in der Kennzahl, auf die sich die ganze Geschichte stützt.
Für die statistische Schwäche des Monats gibt es mehrere gängige Erklärungen. Nach den umsatzschwachen Sommerwochen kehren institutionelle Anleger an die Märkte zurück, und mit ihnen kommen Handelsvolumen, Neubewertungen und Schwankungen. Viele Fonds richten ihre Portfolios im Herbst neu aus, bereinigen Positionen oder realisieren Verluste, bevor das Geschäftsjahr endet. Hinzu kommt eine hohe Nachrichtendichte, weil sich Konjunkturdaten, Notenbanksitzungen und Quartalsausblicke nach der Sommerpause bündeln.
Eine weitere Erklärung liegt im Verhalten der Anleger selbst. Wer mit einem schwachen September rechnet, agiert vorsichtiger, verschiebt Käufe und reagiert nervöser auf schlechte Nachrichten. Ein Teil des Effekts könnte damit schlicht die Erwartung sein, die sich selbst bestätigt.
Bewiesen ist keine dieser Erklärungen. Plausibel sind sie alle. Entscheidend ist ohnehin eine andere Frage: Lässt sich aus dem Muster eine sinnvolle Entscheidung ableiten?
Hier kommt die Zahl ins Spiel, die in den meisten Beiträgen zum Thema fehlt. Der Durchschnitt ist nicht die einzige Kennzahl, mit der sich ein Monat beschreiben lässt, und in diesem Fall ist er die irreführendste. Denn ein Mittelwert lässt sich von einzelnen Extremwerten nach unten ziehen.
Aussagekräftiger ist der Median, also der typische Fall in der Mitte aller beobachteten Jahre. Beim S&P 500 liegt er für den September seit 1986 bei plus 0,5 Prozent, während der Durchschnitt bei minus 0,7 Prozent steht. Zwischen 1995 und 2025 schloss der September in 54,8 Prozent der Jahre positiv. In der Mehrheit der Jahre ist der schwächste Börsenmonat des Jahres also ein Gewinnmonat.
Sein Ruf stammt von einigen wenigen, sehr schweren Einbrüchen in Krisenjahren. Dazu passt die Schwankungsbreite: Mit einer Standardabweichung von über sieben Prozent ist sie ein Vielfaches des Effekts, den man nutzen möchte. Für eine Entscheidung im einzelnen Jahr taugt das Muster damit nicht. Eine Auswertung der DAX-Monate seit 1965 kommt zum selben Schluss und weist darauf hin, dass einzelne Jahre mit den historischen Monatsmitteln langfristig nur zu rund 16 Prozent korrelieren.
Selbst wenn das Muster verlässlicher wäre, bliebe die Frage nach den Kosten. Die Strategie „im August verkaufen, im Oktober zurückkaufen“ verlangt zwei richtige Entscheidungen. Sicher sind dagegen die Ausgaben: Transaktionskosten, Handelsspannen und, sofern im Depot Gewinne aufgelaufen sind, die sofort fällige Abgeltungssteuer. Wer verkauft, gibt damit auch den Steuerstundungseffekt eines langfristig gehaltenen Depots auf. Diese Kosten entstehen unabhängig davon, ob die Vermutung am Ende zutrifft.
Schwerer wiegt erfahrungsgemäß ein anderes Risiko. Die stärksten Erholungstage folgen historisch häufig unmittelbar auf deutliche Rückgänge, also auf den Zeitpunkt, an dem ein Aussteiger nicht investiert ist. Wer über lange Zeiträume nur wenige dieser Tage verpasst, verliert einen erheblichen Teil der Gesamtrendite. Und wer einmal draußen ist, wartet in der Praxis oft zu lange auf den richtigen Moment für den Wiedereinstieg.
Der mögliche Gewinn ist damit klein und unsicher, der mögliche Schaden groß und dauerhaft. Für ein so schwaches Signal wie einen Kalendermonat ist das kein gutes Verhältnis.
Die wirksame Antwort auf saisonale Schwankungen ist unspektakulär. Sie besteht aus einer Anlagestruktur, die zum Ziel und zum Risikoprofil passt, und aus der Disziplin, sie nicht nach der Nachrichtenlage zu verändern. Bei Whitebox wird jedes Portfolio laufend überwacht und bei Abweichungen von der Zielstruktur wieder in Form gebracht, nach festen Regeln statt nach Bauchgefühl. Was sich im Laufe der Zeit ändert, sind die Ziele unserer Anlegerinnen und Anleger und ihr Anlagehorizont, nicht die Namen der Monate.
Ein Sparplan ergänzt das um eine Automatik. Er investiert unabhängig von der Stimmungslage und kauft in schwachen Phasen mehr Anteile für denselben Betrag als in starken. Dieser Durchschnittskosteneffekt ist dabei ein Disziplininstrument und kein Renditeversprechen. Wer einen größeren Betrag bereits verfügbar hat, war historisch mit einer Einmalanlage häufiger besser bedient. Der Nutzen des Sparplans liegt woanders: Er nimmt die schwierigste Frage der Geldanlage ab, nämlich die nach dem richtigen Zeitpunkt, und damit die häufigste Fehlerquelle privater Anleger.
Ein Sparplan ist deshalb kein Gegenmittel gegen den September, sondern eines gegen Timing-Entscheidungen in jedem Monat des Jahres. Der September ist nur der Anlass, an dem der Impuls dazu besonders häufig auftritt. Denn über den Anlageerfolg entscheidet langfristig nicht der perfekte Einstiegsmonat, sondern eine durchdachte Strategie, ausreichend Zeit und ein konsequent langfristiger Anlagehorizont.