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Warum Investoren den Rezenzeffekt kennen sollten | Whitebox

Warum Investoren den Rezenzeffekt kennen sollten

Geschrieben von Salome Preiswerk
6. April 2020
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Inhaltsverzeichnis

      Wenn Menschen Informationen wahrnehmen und verarbeiten, spielen unbewusste psychologische Prozesse eine wichtige Rolle. Zum Beispiel kann der Rezenzeffekt dazu beitragen, dass sich Investoren zu stark auf aktuelle Ereignisse konzentrieren und dadurch langfristige Strategien und Anlageziele gefährden. Doch es gibt wirkungsvolle Verhaltensweisen, mit denen Sie unerwünschte Folgen solcher kognitiven Phänomene vermeiden können.

      Vielleicht ist Ihnen das auch schon passiert: Sie dürfen wieder einmal wieder die ehrenvolle Aufgabe des familiären Großeinkaufs übernehmen. Ihre Familie hat Ihnen eine Einkaufsliste erstellt, die Sie sich zu Hause noch einmal von oben bis unten durchlesen. Sie wissen, der Einkaufswagen wird voll werden. Doch als Sie besagte Liste eine halbe Stunde später im Supermarkt aus der Tasche ziehen wollen, stellen Sie fest, dass Sie diese offenbar vergessen haben. Falls Sie in einer solchen Situation auf etwas Archaisches wie das eigene Gedächtnis zurückgreifen, könnten Sie eine interessante Erfahrung machen: Sie werden sich nicht an alle Posten der Liste gleich gut erinnern: Die Dinge, die am Ende der Liste standen, werden Ihnen leichter ins Gedächtnis kommen als Dinge, die in der Mitte notiert waren.

      Was ist der Rezenzeffekt?

      Psychologen haben in zahlreichen Experimenten festgestellt, dass es nicht nur Ihnen so geht. Menschen erinnern sich tatsächlich leichter an Informationen, die sie später erhalten oder aufgenommen haben, als an solche, die sie früher empfangen haben. Das gilt nicht nur für Einkaufszettel, sondern ist offenbar eine grundlegende Eigenart des menschlichen Gedächtnisses. Deshalb haben die Fachleute diesem Phänomen einen eigenen Namen gegeben: Rezenzeffekt oder denglisch Recency-Effekt.

      Wir möchten an dieser Stelle nicht näher auf die verschiedenen Modelle eingehen, mit denen Psychologen und Hirnforscher diesen Effekt zu erklären versuchen. Wichtiger und interessanter erscheinen uns ein paar Hinweise darauf, wie der Rezenzeffekt Ihre Anlageentscheidungen beeinflussen kann. Hierzu ein einfaches, durchaus realistisches Beispiel: Nehmen wir an, Sie haben vor fünf Jahren eine größere Summe in einen aktiv verwalteten Investmentfonds investiert. Die ersten drei Jahre lief es hervorragend, der Fondsmanager erwirtschaftete in einem positiven Marktumfeld überdurchschnittliche Renditen. Im vierten Jahr kam es an den Kapitalmärkten zu einigen Turbulenzen und Ihr Fonds wies einen leichten Verlust aus. Er hatte jedoch immer noch ein besseres Ergebnis erzielt als viele seiner Konkurrenten. Im fünften Jahr führte dann eine Baisse an den Aktienmärkten zu deutlichen Verlusten. Doch nicht nur das: In den Performanceranglisten für dieses Jahr nimmt Ihr Fonds nur noch einen Platz im unteren Mittelfeld ein.

      Der Rezenzeffekt kann Anlageentscheidungen beeinflussen

      Betrachtet man die fünf Jahre zusammen, könnten Sie durchaus zufrieden sein: Ihr Fondsmanager hat eine überdurchschnittliche Performance erzielt und die Fondsgesellschaft hat Sie auch in schwierigen Marktphasen regelmäßig und verständlich über alle wichtigen Entwicklungen informiert. Zuletzt hat sie Ihnen glaubhaft und überzeugend dargelegt, warum der Fonds in der nächsten Haussephase der Märkte wieder überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen könnte. Es bestünde also kein Grund für irgendwelchen Aktionismus Ihrerseits. Doch der Rezenzeffekt trägt dazu bei, dass Ihre tatsächliche Stimmungslage pessimistischer und kritischer ausfällt: In Ihrer Wahrnehmung ist das fünfte Jahr nämlich deutlich präsenter als die vier vorhergehenden. Das zweite Verlustjahr in Folge und das relativ schlechte Abschneiden Ihres Fonds während der Baisse nähren Zweifel an der Qualität und der Strategie des Fondsmanagers. Möglicherweise erwägen Sie sogar, trotz der überdurchschnittlichen Fünf-Jahres-Performance zu einem Konkurrenten zu wechseln.

      Und die Konkurrenz schläft nicht: Vielmehr werden die Fondsmanager, die in der Baisse weniger Geld verloren haben als der Durchschnitt, auf allen denkbaren Kanälen versuchen, Sie von der Überlegenheit ihrer Anlagestrategien zu überzeugen – und zwar völlig unabhängig davon, wie gut oder schlecht ihre langfristigen Erfolgsbilanzen aussehen. Unterstützt werden sie dabei von zahlreichen Performancevergleichen in diversen Medien und Portalen, die mit Blick auf den größeren Unterhaltungswert weit überwiegend eine sehr kurzfristige Perspektive einnehmen. In der Werbebranche kennt man den Rezenzeffekt seit langem und nutzt ihn weidlich aus. Auch im hart umkämpften Markt für Finanzdienstleistungen werden Anbieter versuchen, die Gunst der Stunde zu nutzen und neue Kunden zu gewinnen. In Krisenzeiten liegt der Fokus dabei meist nicht auf der kurzfristigen Performance, sondern auf der (vermeintlichen) Sicherheit, die einige Anbieter ihren Kunden versprechen.

      Auch Massenmedien fördern das kurzfristige Denken

      Auch die Massenmedien fördern das kurzfristige Denken, indem sie Ihnen im Kampf um Ihre Aufmerksamkeit alltäglich Sensationen, Katastrophen, Krisen und Dramen präsentieren. Für langfristige Betrachtungen und Analysen ist in der Hektik des Alltags meist wenig Zeit und Platz – und wenn doch, dann gewiss nicht auf den Titelseiten. Dort herrschen meist düstere Meldungen und Prognosen vor, die Sie zusätzlich verunsichern können. Beispielsweise hat die Europäische Zentralbank im Februar 2009 für Schlagzeilen gesorgt, als sie in ihrem damaligen Monatsbericht schrieb, dass die Risiken für das Wachstum „insgesamt klar auf der Abwärtsseite“ lägen. „Die Unsicherheit im Hinblick auf die globalen Konjunkturperspektiven ist außergewöhnlich hoch, vor allem angesichts der stark gestiegenen Volatilität auf den Finanzmärkten“, hieß es dort weiter. Vielleicht erinnern Sie sich: Trotz der damals pessimistischen Grundstimmung vieler Ökonomen und Analysten begann an den Aktienmärkten schon im März 2009 eine Haussephase, die mehr als zehn Jahre andauerte und die Kurse an den wichtigen Börsen der Welt um 300 Prozent oder mehr steigen ließ.

      Ein weiteres typisches Beispiel aus der Investmentwelt: Sobald Value-Strategien einmal zwei oder drei aufeinanderfolgende Kalenderjahre eine unterdurchschnittliche Wertentwicklung aufweisen, tauchen in den Medien kritische Artikel auf, die diese Strategien grundsätzlich in Frage stellen. Mit Verweis auf die kurzfristige Performance kommen dann Fondsmanager oder Vermögensverwalter zu Wort, die mit breiter Brust verkünden, dass die altmodischen Ansätze von Investoren wie Warren Buffett oder Seth Klarman in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren (können). Dabei würde in den meisten Fällen schon ein kurzer Blick auf die Performance der vergangenen zehn Jahre genügen, um einer solchen Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber auch hier fördert der Rezenzeffekt tendenziell kurzfristige Betrachtungsweisen.

      Dieser Effekt kann dazu beitragen, dass Sie sich in unserem Beispiel nach dem fünften Jahr ihrer Investition einem unbewussten psychologischen Druck ausgesetzt sehen, den Fondsmanager zu wechseln. Der Rezenzeffekt wirkt zwar lediglich auf Ihre Wahrnehmungen, aber Wahrnehmungen beeinflussen Stimmungen und Stimmungen können Handlungen auslösen.

      Die Liste „kognitiver Verzerrungen“ ist lang

      Hinzu kommt, dass Psychologen in den vergangenen Jahrzehnten eine beachtliche Liste sogenannter „kognitiver Verzerrungen“ zusammengestellt haben, die unser Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen systematisch beeinflussen (siehe hierzu beispielsweise eine „List of cognitive biases“ in Wikipedia). Viele davon können sich auch auf Ihre Anlageentscheidungen auswirken. Einige wichtige Beispiele:

      • Verlustaversion: Menschen haben die Tendenz, Verlusten ein höheres Gewicht beizumessen als Gewinnen.
      • Bestätigungsfehler: Wir neigen dazu, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie unsere eigenen Erwartungen bestätigen.
      • Ankereffekt: Menschliche Handlungen lassen sich durch bestimmte Informationen manipulieren, selbst wenn diese Informationen für die konkreten Entscheidungen irrelevant sind. Sie können dennoch unbewusst Assoziationen aktivieren, welche die anschließende Urteilsfindung beeinflussen.
      • Framing-Effekt: Verschiedene Formulierungen einer Botschaft gleichen Inhalts können das Verhalten der Empfänger unterschiedlich beeinflussen.
      • Selektive Wahrnehmung: Menschen nehmen immer nur einen Teil aller Informationen und Reize wahr, mit denen sie konfrontiert werden. Als Wahrnehmungsfilter dienen beispielsweise individuelle Bedürfnisse, Erfahrungen, Kenntnisse, Interessen und Einstellungen.
      • Kontrollillusion: Wir neigen häufig zu der falschen Annahme, zufällige Ereignisse durch unser eigenes Verhalten kontrollieren zu können.
      • Selbstüberschätzung: Viele Menschen tendieren dazu, ihr Können und ihre Kompetenzen zu überschätzen.
      • Truthahn-Illusion: Dieser Effekt bezeichnet die Neigung, einen Trend zu extrapolieren, ohne ihn zu hinterfragen.

      Kognitive Verzerrungen bei Finanzentscheidungen

      In den Wirtschaftswissenschaften haben sich mit der Verhaltensökonomik (behavioral economics) und der verhaltensorientierten Finanzmarkttheorie (behavioral finance) Teilgebiete entwickelt, die solche Phänomene in ökonomische Modelle aufnehmen wollen. Daniel Kahneman, einer der weltweit einflussreichsten Kognitionspsychologen, hat für seine Arbeiten 2002 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Falls Sie sich intensiver mit diesen Themen beschäftigen möchten, empfehlen wir Ihnen die Lektüre seines 2011 erschienenen, allgemein verständlichen Bestsellers „Schnelles Denken, langsames Denken“ (Originaltitel: „Thinking, Fast and Slow“). Einen knapperen Einstieg bietet das Skript zu seiner Vorlesung anlässlich der Verleihung des Nobelpreises (siehe auch das Video seiner Präsentation).

      Doch zurück zu unserem Beispiel: Tatsächlich beeinflussen zahlreiche unbewusste psychologische Faktoren das menschliche Verhalten. Unter Umständen verstärken sich diese Effekte gegenseitig. So könnte nach dem kritischen fünften Jahr mit Ihrem Fonds nicht nur der Rezenzeffekt Ihre Stimmung belasten, sondern auch Ihre Verlustaversion, die Truthahn-Illusion und Ankereffekte, die beispielsweise durch unterschiedliche Medienberichte ausgelöst werden. Wenn Artikel über die Opfer einer Epidemie oder Pandemie Sie in Angst und Schrecken versetzen, kann sich diese Stimmung unbewusst auch auf andere Lebensbereiche auswirken. In einer solchen Situation ist es mitunter schwierig, durchdachte, langfristig ausgerichtete Entscheidungen zu treffen.

      Wie Sie negative Folgen des Rezenzeffektes vermeiden können

      Doch die Erfahrung bestätigt immer wieder, dass Emotionen oft maßgeblich zu ungünstigen Anlageentscheidungen beitragen. Es ist eine altbekannte Börsenweisheit, dass Euphorie, Panik, Angst und Gier schlechte Ratgeber sind. Als Investor sollten Sie sich daher nicht von kurzfristigen Stimmungsschwankungen treiben lassen, die durch unbewusste psychologische Effekte ausgelöst oder verstärkt werden können. Zwar können wir Menschen Emotionen und unbewusste Verhaltensweisen normalerweise nie ganz ausschalten. Es gibt jedoch einige recht zuverlässige und wirksame Methoden, mit denen Sie dem Rezenzeffekt und anderen kognitiven Fußangeln ein Schnippchen schlagen können:

      1. Akzeptieren Sie Ihre Emotionen und die Komplexität der menschlichen Psyche: Nur wer seine emotionale Seite anerkennt und über unbewusste psychologische Effekte Bescheid weiß, kann sich darum bemühen, deren Auswirkungen in Situationen einzuschränken, in denen rationales Handeln sinnvoller erscheint – also beispielsweise bei Anlageentscheidungen.
      2. Definieren Sie möglichst klare und eindeutige, realistische Anlageziele.
      3. Konzentrieren Sie sich bei Ihren Investitionen grundsätzlich und bewusst auf Ihre langfristigen Ziele und Perspektiven. Dies ist wahrscheinlich die wirkungsvollste Methode, um unerwünschte Auswirkungen des Rezenzeffektes und anderer kognitiver Phänomene zu vermeiden. Sofern sie in kritischen oder euphorischen Phasen der Wirtschaft oder der Kapitalmärkte den Blick dafür bewahren, dass diese lediglich Bestandteile langfristiger Zyklen sind, werden sie besonnener und sachlicher mit ihnen umgehen können.
      4. Verfolgen Sie eine systematische Anlagestrategie, die Ihnen für das Erreichen Ihrer persönlichen Ziele als sinnvoll erscheint. Dabei ist es egal, ob Sie diese selbst umsetzen möchten oder die Aufgabe an einen Vermögensverwalter Ihres Vertrauens delegieren. Solange ein diszipliniertes Umsetzen dieser Strategie geeignet erscheint, um Ihre langfristigen Ziele zu erreichen, sollten Sie daran festhalten.
      5. Reduzieren Sie den Konsum aktueller Nachrichten und Medien. Sie können die dadurch gewonnene Zeit für zahlreiche sinnvollere Dinge verwenden, die Sie Ihren eigenen Zielen näherbringen. Beispielsweise könnten Sie das erwähnte Buch von Daniel Kahneman lesen, der dort auch Folgendes geschrieben hat: „Die Welt in unseren Köpfen ist keine exakte Kopie der Wirklichkeit; unsere Erwartungen bezüglich der Häufigkeit von Ereignissen werden durch die Verbreitung und emotionale Intensität der Nachrichten, denen wir ausgesetzt sind, verzerrt.“

      Wenn Menschen Situationen beurteilen und Entscheidungen treffen, können nicht nur subjektive Faktoren wie Gefühle, Wünsche, Erwartungen oder Vorstellungen eine wichtige Rolle spielen. Schon die Wahrnehmung der relevanten Informationen unterliegt einer Reihe unbewusster psychologischer Phänomene. In vielen Situationen ist es sinnvoll und wichtig, sich durch solche Faktoren nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Die gute Nachricht: Sie müssen kein Psychologe sein, um unerwünschte Auswirkungen dieser Wahrnehmungseffekte zu reduzieren. Es ist noch nicht einmal nötig, sie alle zu kennen. Allerdings sollte Ihnen stets bewusst sein, dass es diese Effekte gibt. Dann reichen oft schon relativ einfache Verhaltensregeln, damit Rezenzeffekt, Verlustaversion oder Truthahn-Illusionen Ihnen beim Erreichen Ihrer langfristigen Ziele keine unnötigen Schwierigkeiten bereiten.