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Corona-Krise: Whitebox erhöht Aktienanteil fast aller Kundenportfolios

Corona-Krise: Whitebox erhöht Aktienanteil fast aller Kundenportfolios

Geschrieben von Salome Preiswerk
9. April 2020
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Inhaltsverzeichnis

      Die Turbulenzen an den Finanzmärkten und die zumindest kurzfristige Rezession, die auf die rigiden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie folgen dürfte, werden uns noch eine Weile in Atem halten. Als Value-Investoren nutzen wir die Krise aber auch, um neue Anlagechancen zu suchen. Ein Überblick über unsere jüngsten Portfolioanpassungen zeigt, dass wir in einigen Fällen bereits fündig geworden sind.

      In unserem letzten Update zur Corona-Krise haben wir bereits dargelegt, dass wir in der aktuellen Entwicklung an den Börsen auch Chancen sehen. Chancen? Ja! Denn als Value-Investoren sind wir davon überzeugt, dass Preis und Wert einer Anlage nicht dasselbe sind. Im Gegenteil: Der Preis kann bisweilen stark nach oben oder unten vom „wahren“, sogenannten fairen, Wert abweichen. Doch langfristig kehrt er zum fairen Wert zurück – so die Erfahrung aus vielen vorausgehenden Jahrzehnten. In der Geldanlage jedenfalls herrscht verkehrte Welt: Tiefe Preise veranlassen zur Flucht, hohe Preise ziehen an.

      Nicht so den Value-Investor, der sozusagen von Natur aus gerne gegen den Strom schwimmt: Hohe Preise sind für ihn tendenziell eher ein Grund, sein Engagement zu reduzieren – tiefe Preise hingegen eher, einzusteigen oder das Engagement auszubauen! Eigentlich seltsam, dass dies außergewöhnlich ist – denn die Aversion tiefen Preisen gegenüber findet sich fast nur in der Anlagewelt. In der Konsumwelt sind tiefe Preise schon lange „en vogue“, was in Sachen Sinnhaftigkeit aus ganz anderen Gründen angezweifelt werden darf. Entscheidend für Value-Investoren: Tiefe Preise sind nicht per se gut, sondern nur, wenn sie „zu Unrecht“ tief sind. Hier gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen.  

      Fokus auf Chancen gerichtet

      Vor diesem Hintergrund bieten die starken Kursrückgänge seit Beginn der Corona-Krise nach einer langen Phase nahezu flächendeckend (zu) hoher Preise deshalb nun Chancen. Unsere wichtigsten Ziele sind es dabei, die Rendite-Risiko-Strukturen der Gesamtportfolios an die Bedürfnisse unserer Kunden anzupassen und ihre langfristigen Renditeaussichten konsequent zu verbessern. Dabei haben wir tendenziell offensive Anpassungen an unseren Portfolios vorgenommen, bleiben aber angesichts der weiterhin unsicheren Aussichten grundsätzlich vorsichtig. Im Folgenden erläutern wir kurz, welche konkreten Schritte wir bis Anfang April 2020 bereits unternommen haben.

      Leicht höhere Aktienanteile

      Nach den Kursverlusten an den internationalen Aktienmärkten haben wir die Aktienanteile fast aller Portfolios wieder etwas erhöht. Eine Ausnahme bilden lediglich Portfolios unserer defensivsten Risikostufe (Risikostufe 1), deren Aktienanteil derzeit etwa 7,0 Prozent beträgt. (Stand aller Prozentangaben: 1. April 2020) In allen anderen Portfolios haben wir den Anteil der nordamerikanischen Aktien leicht vergrößert, nachdem wir diesen Markt zuvor deutlich untergewichtet hatten. Mittlerweile halten wir viele US-Standardwerte nicht mehr für stark überbewertet und haben die jüngsten Kursverluste daher für erste Käufe genutzt. Grundsätzlich bleiben wir in diesem Markt derzeit jedoch weiterhin zurückhaltend: Selbst in unseren drei Risikostufen mit den höchsten Aktienanteilen entfallen lediglich zwischen 14,5 Prozent (Risikostufe 8) und 17,0 Prozent (Risikostufe 10) der Gesamtvermögen auf US-Aktien.

      Erste Positionen im koreanischen Aktienmarkt

      In unseren offensiver ausgerichteten Risikostufen (Risikostufen 5 bis 10) haben wir erstmals dedizierte Positionen im koreanischen Aktienmarkt aufgebaut. Dieser ist derzeit sowohl im Vergleich mit asiatischen als auch mit breiter diversifizierten Schwellenländerindizes ausgesprochen attraktiv bewertet. Unserer Meinung nach haben koreanische Aktien übermäßig unter dem Handelskrieg zwischen den USA und China sowie unter der starken Abhängigkeit der koreanischen Wirtschaft vom Welthandel gelitten. Trotz der starken Zyklizität der Halbleiterbranche und der sehr hohen Gewichtung von Samsung in den dortigen Aktienindizes haben wir uns daher für ein Engagement entschieden. Der hierzu erworbene ETF bildet den MSCI Korea Index nach und hat je nach Risikostufe einen Anteil zwischen 2,0 Prozent (Risikostufen 5 bis 7) und 3,0 Prozent (Risikostufen 9 und 10). In den meisten dieser Risikostufen haben wir im Gegenzug unser Engagement in breit gestreute Schwellenländer-ETFs geringfügig reduziert.

      Europäische Energieunternehmen bieten Chancen

      In unseren dynamischeren Risikostufen (Risikostufen 5 bis 10) haben wir Positionen im europäischen Energiesektor auf- und ausgebaut. Die Aktien europäischer Energieunternehmen waren unseren Analysen zufolge bereits vor dem Börsenabschwung attraktiv bewertet. Die Kosten- und Bilanzstrukturen der Unternehmen sehen mittlerweile deutlich besser aus als in den kritischen Jahren 2014 bis 2016. Dennoch haben die zunehmenden Rezessionsängste und der Ölpreisverfall infolge der Streitigkeiten zwischen Russland und Saudi-Arabien dazu beigetragen, dass Aktien europäischer Energieunternehmen während der jüngsten Baisse kräftige Kursverluste erlitten haben. Sie sind dadurch noch attraktiver bewertet und weisen derzeit langfristig höhere Renditechancen auf als fast alle anderen Aktienmärkte und -sektoren unseres Anlageuniversums.

      In den Portfolios mit den höchsten Aktienanteilen (Risikostufen9 und 10) haben wir unsere Aktien-ETFs auf den MSCI Russia Index verkauft. Das Rendite-Risiko-Profil russischer Aktien hat im Vergleich zu vielen anderen Schwellenländern und zum weltweiten Energiesektor an Attraktivität verloren. Die Erträge russischer Aktien hängen sehr stark von den Ausschüttungen der großen Ölgesellschaften ab, die meist unter Kontrolle des Staates stehen. Daher bergen russische Aktien relativ hohe politische Risiken. Außerdem erscheint uns das Währungsrisiko recht hoch.

      Der weltweite Gesundheitssektor bleibt attraktiv

      Wir haben unser Engagement in Aktien aus dem weltweiten Gesundheitssektor weiter erhöht. Diese Titel haben sich in der jüngsten Baisse vergleichsweise gut entwickelt und erscheinen dennoch günstiger bewertet als viele andere eher defensive Sektoren der Aktienmärkte. Unternehmen der Gesundheitsbranche bieten attraktive Wachstumsperspektiven und stabile Cash-Flows. Sie sind zudem meist weniger stark verschuldet als beispielsweise europäische Kommunikationsdienstleister. Wir haben die Aktienklasse daher neu in zwei eher defensive Risikostufen (Risikostufen 3 und 4) aufgenommen und ihren Anteil in den offensiveren Risikostufen weiter erhöht (auf 2,5 Prozent in Risikostufe 5 bis auf 7,0 Prozent in Risikostufe 10).

      Im Gegenzug haben wir die Positionen in Aktien europäischer Kommunikationsdienstleister in den Portfolios der Risikostufen 4 bis 10 durchweg etwas reduziert. Wir schätzen diese Branche weiterhin vor allem wegen ihrer auch in Krisenzeiten robusten Cash-Flows. Allerdings sind Telekommunikationsunternehmen oft hoch verschuldet und weisen regulatorische Risiken auf. Außerdem werden die Aktien der Branche zurzeit immer noch etwas über ihren fairen Werten gehandelt, sodass wir den Gesundheitssektor derzeit insgesamt für aussichtsreicher halten.

      Erste Engagements in globale Hochzinsanleihen

      Auch im Anleihensegment unserer Portfolios haben wir einige Anpassungen und Umschichtungen vorgenommen. So haben wir in den meisten unserer defensiv ausgerichteten Risikostufen (Risikostufen 2 bis 5) eine kleine Position globaler Hochzinsanleihen aufgebaut. Unserer Auffassung nach ist dieses Marktsegment nach dem starken Anstieg der Renditeaufschläge gegenüber Staatsanleihen mittlerweile wieder attraktiv bewertet. In unserer defensivsten Risikostufe (Risikostufe 1) verzichten wir jedoch weiterhin auf diese Anlageklasse.

      Zudem haben wir den Anteil inflationsindexierter Anleihen in unseren defensiven Risikostufen (Risikostufen 1 bis 5) angesichts der moderat erhöhten Aktienbestände durchweg etwas reduziert – auch wenn wir diese Anlageklasse weiterhin für attraktiv halten. Derzeit entfallen zwischen 7,0 Prozent (Risikostufe 1) und 2,0 Prozent (Risikostufe 5) der Vermögen in den defensiveren Risikostufen auf diese Anlageklasse.

      Unterschiedliches Vorgehen bei Anleihen aus Schwellenländern

      Bei Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern sind wir unterschiedlich verfahren: Während wir in unseren defensiveren Risikostufen (Risikostufen 1 bis 5) Positionen auf- oder ausgebaut haben, haben wir unsere Engagements in den dynamischeren Risikostufen (Risikostufen 7 bis 10) reduziert oder vollständig abgebaut. Wir halten diese Anlageklasse weiterhin für eine der attraktivsten des Anleihen-Universums. Die vorgenommenen Anpassungen dienen vor allem der Adjustierung der Rendite-Risiko-Strukturen der jeweiligen Portfolios.

      Auch Risiken müssen gemanagt werden – aber mittel- bis langfristig

      Vergessen wir vor lauter Chancen die Risiken? Nein, durchaus nicht. Denn auch in Sachen Risikomanagement legen wir eine mindestens mittelfristige Perspektive an. Dies heißt vor allem, dass wir bereits vorausschauend defensiv in diese Krise gegangen sind: Wir hatten unsere Portfolios bereits 2019, also weit vor den Turbulenzen durch die Corona-Krise, tendenziell defensiver ausgerichtet. Denn die meisten Aktienmärkte waren zu dieser Zeit sehr hoch bis zu hoch bewertet, was deutliche Kurskorrekturen wahrscheinlicher macht. Dennoch sind wir seit Beginn der Corona-Krise nicht tatenlos geblieben: Unter anderem haben wir im Rahmen des regulären, abweichungsbasierten Rebalancing etliche Portfolios aktiv zu ihrer ursprünglichen Risikostruktur zurückgeführt. Denn durch die Kurseinbrüche an den Aktienmärkten hat sich das Verhältnis der einzelnen Komponenten in vielen Portfolios verschoben.

      Zudem sind unsere Experten kontinuierlich dabei, jene Auswirkungen der Corona-Krise, die einen relevanten negativen Effekt auf unsere langfristigen Fair-Value-Berechnungen haben, von denen zu unterscheiden, die so schnell wieder weg sein werden, wie sie gekommen sind. Allerdings ist es dabei für eine abschließende, seriöse Einschätzung aktuell oft noch zu früh.