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Corona und die Globalisierung | Whitebox

Gefährdet Corona die Globalisierung?

Geschrieben von Salome Preiswerk
29. Oktober 2020
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Inhaltsverzeichnis

      Lockdowns, unterbrochene Lieferketten, steigende Arbeitslosenzahlen, Pleitewellen in der Gastronomie und anderen Branchen. Bedroht Corona nicht nur das Leben einzelner Menschen, sondern auch den Wohlstand ganzer Gesellschaften? Gefährdet das Virus am Ende gar die Globalisierung? Lesen Sie hier, warum wir bei Whitebox solche Befürchtungen für übertrieben halten.

      Corona ist seit Monaten das dominierende Thema in deutschen Massenmedien und wird dort immer wieder aus ganz unterschiedlichen Perspektiven aufgegriffen. Wahrscheinlich haben auch Sie bereits mehr als einmal Überschriften und Aussagen wie diese gelesen: „Corona-Krise: Das Ende der Globalisierung?“, „Das Corona-Virus ist die Rache für die Globalisierung“, „Globalisierung nach Corona: Zurück in die Zukunft?“, „Hat die Corona-Krise die Globalisierung ausgebremst?“ oder „Grenzen der Globalisierung: Wie die Corona-Krise die Weltwirtschaft verändert“. Wenn man beinahe täglich solche und ähnliche Schlagzeilen liest, drängen sich fast zwangsläufig Fragen auf. Was ist dran an diesen Diskussionen? Können und sollten Sie als Investor irgendwie darauf reagieren?

      Corona und Globalisierung: Tipps für langfristige Investoren

      Wir sind keine Propheten und wissen nicht, wie sich die Welt in Zukunft entwickeln wird. Angesichts unserer Erfahrungen als professioneller Vermögensverwalter können wir Ihnen jedoch einige Anregungen dafür liefern, wie Sie in solchen Situationen Fehlentscheidungen bei der Geldanlage vermeiden können:

      • Versuchen Sie, trotz der aufgeheizten Stimmung sachlich zu bleiben und Ihre Anlageentscheidungen rational an Ihren langfristigen Zielen auszurichten.
      • Für langfristig orientierte Anleger, die sich durch solche Meldungen und Diskussionen aus der Ruhe bringen und verunsichern lassen, kann es sinnvoll sein, die entsprechende Berichterstattung einfach zu ignorieren.
      • Wir gehen nicht davon aus, dass das Corona-Virus oder die Wirtschaftskrise, die von den politischen Maßnahmen gegen die Pandemie ausgelöst wurde, wesentliche Aspekte der Globalisierung grundsätzlich in Frage stellen oder gar gefährden.
      • Global diversifizierte Portfolios sind auch und gerade dann sinnvoll, wenn bestimmte Aspekte der Globalisierung – zum Beispiel der internationale Handel mit Waren und Dienstleistungen – zu Gunsten binnenwirtschaftlicher Entwicklungen (zeitweise) an Bedeutung verlieren sollten.
      • Statements wie „Corona gefährdet die Globalisierung“ sind in der Regel undifferenzierte Behauptungen oder Spekulationen, die komplexe politische und ökonomische Prozesse nicht adäquat beschreiben (können). Sie können aber zu einer weiteren Emotionalisierung der ohnehin aufgeheizten Stimmung beitragen.

      Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir möchten hier keine Medienkritik üben und niemanden vom Medienkonsum abhalten. Für Investoren ist es allerdings wichtig, die dort vermittelten Informationen richtig einzuordnen. Tageszeitungen, Nachrichtensendungen und auch viele neuere Medienformate verbreiten vor allem mehr oder weniger wichtige Neuigkeiten und sind entsprechend kurzfristig orientiert. Unserer Erfahrung nach ist der größte Teil dieser Informationen für langfristige Anlageentscheidungen weitgehend oder völlig irrelevant. Wichtige Themen wie Globalisierung werden dagegen selten so umfassend und gründlich behandelt, dass Investoren daraus einen nennenswerten Nutzen ziehen könnten.

      Die Globalisierung gibt es nicht

      Tatsächlich ist das Thema Globalisierung ungemein vielschichtig und komplex. Unter diesem Begriff fasst man in der Regel internationale Verflechtungen in unterschiedlichen Lebensbereichen wie Politik, Wirtschaft, Kultur und Kommunikation zusammen – und zwar zwischen Staaten, Institutionen, Gesellschaften und Individuen. Der Soziologe Klaus Kraemer definiert Globalisierung als Möglichkeit, „die globale Ökonomie, die globale Gesellschaft, die globale Wissensgemeinschaft oder die globale Kultur als symbolischen Referenzhorizont zu wählen“. Viele Politik- und Wirtschaftswissenschaftler bevorzugen handfestere Definitionen und nutzen den Begriff für politische und wirtschaftliche Entwicklungen, die auf bestimmte Ziele gerichtet sind – beispielsweise den freien Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital.

      Wissenschaftler diskutieren bereits seit Jahrzehnten intensiv, kontrovers und teilweise auch emotional über dieses Thema. Denn: Nicht nur gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Globalisierung genau ist und in welchen Zusammenhängen man den Begriff verwenden kann und sollte. Häufig prallen dabei auch sehr unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander.

      Solche Diskussionen können ausgesprochen interessant und spannend sein, helfen aber sehr selten bei konkreten Anlageentscheidungen. Dabei sind viele Aspekte der Globalisierung grundsätzlich auch für Investoren relevant. Es kann daher durchaus sinnvoll sein, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Wer dies ohne größeres Vorwissen tun möchte, sollte dazu allerdings eher Bücher lesen als kurze Artikel in Tageszeitungen. Sorgfalt, Geduld und eine gewisse Medienkompetenz erleichtern diese Arbeit, zumal auch seriöse Texte häufig von bestimmten Weltanschauungen geprägt oder von Lobbygruppen beeinflusst sind.

      Corona-Virus als Sündenbock

      Das scheint auch für die zunehmend hitzigeren Diskussionen über das Corona-Virus zu gelten, die mitunter in plumpen Diffamierungen einzelner Diskussionspartner enden. Die Streitereien haben mittlerweile eine solche Eigendynamik entwickelt, dass man bisweilen offenbar einfachste Tatsachen ins Gedächtnis zurückrufen muss. „Das Coronavirus spaziert nicht allein über die Straße“, betonte beispielsweise die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek Ende Oktober in einem Interview mit der FAZ. Ciesek wollte damit vor allem an das Verantwortungsgefühl der Bürger appellieren, die angesichts deutlich steigender Infektionszahlen vorsichtiger und zurückhaltender mit anderen Menschen umgehen sollten.

      Tatsächlich wurde und wird das Corona-Virus in politischen Diskussionen bisweilen hemmungslos funktionalisiert – so zum Beispiel…

      • … wenn US-Präsident Donald Trump mit China den global wichtigsten Konkurrenten der USA für dessen Ausbreitung verantwortlich macht oder
      • … wenn Globalisierungsgegner das Virus zur „Rache für die Globalisierung“ stilisieren.

      Auch in anderen Fällen scheint Corona als willkommener Anlass zu dienen, politische und weltanschauliche Grabenkämpfe auszutragen oder wichtigere Themen wie den Klimawandel und die weltweite Verschmutzung von Luft und Wasser in den Hintergrund zu drängen.

      Corona „macht“ nichts mit der Globalisierung

      Zweifellos haben einige konkrete Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie den globalen Handel belastet und Lieferketten unterbrochen. Außerdem bedrohen die politisch verordneten Einschränkungen und Lockdowns die Geschäftsmodelle ganzer Branchen – beispielsweise im Tourismus, in der Gastronomie und im Kulturbereich. Allerdings „macht“ das Coronavirus allein nichts mit der Weltwirtschaft – unterbricht also beispielsweise keine Lieferketten, indem es Betriebe, Städte, Regionen oder ganze Länder von der Außenwelt abriegelt. Für all diese Entwicklungen sind Menschen verantwortlich, von denen man erwarten kann und sollte, dass sie Nutzen und Schaden solcher Aktivitäten sorgfältig gegeneinander abwägen. Ob und inwieweit die politisch verantwortlichen Menschen und Organisationen dieser Aufgabe tatsächlich gerecht werden, steht auf einem anderen Blatt.

      Neuorientierung in der Weltwirtschaft

      Dass die Folgen der Corona-Pandemie auf Entscheidungen von Menschen beruhen, sehen offenbar auch Ökonomen so: „Anders als frühere Wirtschaftskrisen hat die gegenwärtige Krise ihre Ursache nicht in Fehlentwicklungen im Finanzsektor, sondern in einer massiven Einschränkung der Transaktionen auf vielen Güter- und Dienstleistungsmärkten durch die Auflagen von Regierungen“, schrieb Gabriel Felbermayr, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Anfang April in einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche. In dieser Situation trügen internationale Kapitalmärkte dazu bei, vorhandene Liquidität über die Welt zu verteilen. „Die Globalisierung der Finanzmärkte jetzt zurückzufahren, würde die Krise gerade in anfälligeren Ländern verschärfen“, warnte der Ökonom.

      Laut Felbermayr bezeichnen manche Ökonomen die Zeit zwischen 1990 und 2008 als eine „Phase der Hyperglobalisierung“, in welcher der Handel mit Waren, Kapital und Dienstleistungen sowie die Mobilität der Menschen deutlich stärker gewachsen seien als die Wirtschaft insgesamt. Allerdings habe sich dieser Prozess schon mit der Finanzkrise 2008/2009 deutlich verlangsamt. Seitdem sei eine grundsätzliche Neuorientierung in der Weltwirtschaft zu beobachten, in der sich viele Länder und vor allem die USA wieder vorrangig um ihre eigenen Belange kümmerten. Es gibt also seit einiger Zeit tatsächlich einen graduellen Rückgang globaler Handelsaktivitäten und einen stärkeren Protektionismus. Beides hat jedoch nichts mit dem Corona-Virus zu tun.

      Für Deutschland stellen Protektionismus, globale Verteilungskämpfe und die zunehmende Verschiebung weltpolitischer Machtgefüge große Herausforderungen dar, weil die deutsche Wirtschaft sehr stark von ihrer internationalen Ausrichtung profitiert. Beispielsweise erwirtschaften mehr als zwei Drittel der im Dax enthaltenen Aktiengesellschaften jeweils über 70 Prozent ihrer Umsatzerlöse im Ausland – und zwar nicht nur durch Exporte, sondern auch durch die direkte Produktion in ausländischen Märkten. Ohne Globalisierung hätte Deutschland kaum mit nur einem Prozent der Weltbevölkerung zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt heranwachsen können.

      Der Nutzen diversifizierter Portfolios

      Klar ist: Die wirtschaftlichen Aussichten für Deutschland und viele andere Länder verschlechtern sich zwischenzeitlich. Klar ist aber auch: Manche Branchen profitieren sogar von der aktuellen Wirtschaftskrise. So rechnen zahlreiche Experten damit, dass die Corona-Krise eine Welle der Rationalisierung auslösen könnte. Hiervon würden vor allem Unternehmen profitieren, die ihr Geld damit verdienen, Produktionsprozesse zu automatisieren und digitalisieren. Diese Entwicklung könnte wiederum einen neuen Globalisierungstrend auslösen.

      Bei aller Komplexität des Themas erscheint für Investoren dabei vor allem wichtig: Globalisierung war in der Vergangenheit ein dynamischer und offener Prozess und wird es voraussichtlich auch in Zukunft bleiben. Derzeit stehen viele Wirtschaftszweige und auch ganze Volkswirtschaften vor einem grundlegenden Wandel, der nicht von der Corona-Krise ausgelöst wurde, aber vielleicht von ihr beschleunigt wird.

      Gerade in Zeiten, in denen es ungewiss erscheint, welche Unternehmen und Branchen langfristig überleben und florieren werden, können gut diversifizierte Portfolios Ihnen dabei helfen, die mit Ihren Anlageentscheidungen verbundenen Risiken zu reduzieren. Emotionen können Sie dagegen daran hindern, Ihre Entscheidungen auf Basis rationaler Argumente und Erwartungen zu treffen. Von Spekulationen und Horrormeldungen über das Corina-Virus sollten Sie sich daher keine Angst einflößen lassen.